Guckt man sich in der S-Bahn von A nach B um ist es tatsächlich so, dass sich zwischen all den schweigenden iPhone-/aus-dem-Fenster-guck-/ und Bücher-Zombies auch Kommunikation ereignet – mehr oder weniger.
Das kann im großen passieren, wie es auch im kleinen zu belauschen ist. Eines ist ihr - der großen und der kleinen - allerdings jedes mal gemein: Es handelt sich um Alltagskommunikation, die Kommunikation im eigentlichen Sinne ausschließt bzw. unterdrückt, aber dazu später mehr.
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In meinen fünf Jahren als also erfahrener S-Bahnfahrer, habe ich kein Gespräch belauscht, was über die Einkaufsliste bzw. die obligatorische „Wie geht’s dir“-Frage hinaus geht.
Tatsächlich müsste einem - bzw. mir ist es - doch schon anhand dieser einzelnen verbrauchten Aussage – denn mehr ist sie tatsächlich nicht - auffallen, dass eine Kommunikation so nicht statt finden kann.
Die „Wie geht’s dir?“-Frage ist mehr als als jede Andere ein auf sich selbst gerichteter Akt des (Selbst-)Gesprächs – darum ja auch auf mich selbst gerichtet. Ein Monolog. Eine an sich gerichtete Mitteilung: „Mir geht’s gut“. Denn wie im französischem, englischem so ist auch im deutschen bei der Frage nach der Befindlichkeit ein „Gut und dir?“ als entsprechende Antwort garantiert. Genauso wie die reflexartige Gegenantwort „Mir geh't auch gut“.
Es müsste dem ersten Fragesteller also der Logik nach nur die eigene Aussage, dass bei ihm alles tutti sei, um sich, wie manche sagen: selbst zu belügen, interessieren. Dem ist aber nicht so, wie ich im weiteren Verlauf belegen werde. Viel mehr geht es dem Fragesteller darum, in seiner gesamten Person verstanden zu werden.
Das nachdenken über die reine Aussage über die Frage „Wie geht’s dir“ müsste bei jedem Gesprächsanfang schon viel mehr auslösen, würde es sich tatsächlich um Kommunikation handeln. In seiner klarsten Form sagt „Wie geht’s dir“ nichts anderes aus, als dass ich frage, wie „es“ dir/dich grade geht („Wie geht es dich“). Ein „es“ über dem, was also innerhalb unserer Kontrolle liegt bzw. dann nicht mehr. Es kontrolliert dein gehen. Wie kontrolliert es dich? Wie geht es dich? „Es“ als undefinierbares Etwas, was „mir“ die Richtung weist. Wo spaziert „?“ bzw. „es“ dich entlang? Es? Die Umstände? Gott? Dein selbstbestimmtes Ziel, was dich nun abhängig von dir geht? Ist das Ziel tatsächlich noch von dir erfasst? Nicht durch andere Umstände notwendig zum Ziel erklärt? Wie oft wurde dein Ziel schon aufgestellt? Wieso setzten wir uns eigentlich ausgerechnet zu Anfang diesen Fragen aus? Führt es zwangsweise zu Alternativen Anfangsfragen? Wieso überhaupt fragen?
Diese Anfangsfrage „Wie geht’s dir“ bietet so viel Gesprächsstoff, dass sich damit eine ganze S-Bahnfahrt füllen ließe. Stattdessen kommt reflexartig „Gut und dir?“ zurück geschossen und das so wahr, wie ich es hier schreibe: denn der Reflex erschießt tatsächliche eine Vielzahl von Antwortmöglichkeiten, die ich mich hier hüten werden zu benennen, aus Angst neue Magnetantworten zu schaffen, die sich auf Magnetfragen („Wie geht’s dir?“ beziehen.
Dieses Verhältnis findet sich in vielen Gesprächen wieder.
Ein Magnetpol „Wie geht’s dir“ (+) wirkt als Pol für „Gut, und dir?“ (-). Gespräche sind selbstverständlich ,anderes als Naturwissenschaftliche Gesetze, keiner klaren Gesetzmäßigkeit unterworfen. Allerdings scheint es in der Mainstream-Realität anders zu sein. Das heißt nicht, dass sie so sein müsste. Oder dass sie nicht so sein müsste. Denn tatsächlich findet die Kommunikation ja so „Tag ein Tag aus“ statt, ohne, dass wir es wirklich merken. Sie findet also nicht nicht statt.
Diese Sätze sind vielleicht einige dutzend Male gesprochen, geschrieben und reproduziert worden. Niemand fängt plötzlich an, neue Worte zu verwenden, weil Kommunikation tatsächlich darauf abzielt, sich anderen Menschen gegenüber zu verständigen. Vielleicht bin ich auch einfach nicht kreativ genug und rechtfertige mich mit dieser Aussage. Vielleicht sollte ich auch einfach nicht so viel an mir herumreflektieren, um Sicherheit in meinen Text zu legen, damit ich überzeugen kann. Übermittelt das überhaupt Sicherheit? Will ich das überhaupt? Wieso will ich überzeugen? Wieso will ich das hier so schreiben? Werde ich es später entfernen?
Bei Maschinen zum Beispiel ist eine unmissverständliche Antwort (Telefonhotline, Fahrkartenautomat usw.) von funktionierender Wichtigkeit. Die Telefonzelle zu fragen, wie es wohl mit ihrem Wohl beschaffen ist, führt zu keinem Ergebnis, weil sie nur zweckgerichtet Kommunikation aufnehmen kann. Sie braucht also die klare Information (112) und alles darüber hinaus absorbiert sie, wie ein Rohr, was nur begrenzt Inhalt zulässt. Menschen können ihren Zweck in der Kommunikation frei setzen. Es aber auch sein lassen. Ich muss kein Ziel beim Beginn einer Kommunikation haben. Das können wir uns oft genug beweisen, wenn wir betrunken Blödsinn reden. Auf der Arbeit dient Kommunikation der Informationsübertragung so wie der Darstellung eines sozialem Status in den Pausen; Dient dem dickeren Geldbeutel; Weil Chefin auf Soft Skills abfährt; Andere Geschichte (schreib mir doch mal deine Idee dazu).
Menschen leben in Kommunikationsrohren. Ihre Arbeit ist morgens in der S-Bahn, von der ich schon zu Anfang sprach ( falls sie sich überhaupt noch an das erinnern können, was ich da sprach; eigentlich eher schrieb; ich will ihnen nichts unterstellen, aber auf jeden Fall noch mal nachschauen – ich mach das auch gleich noch mal, damit das weitere einen gewissen Sinn behält und ich nicht zu weit abschweife; weiter), mit auf dem selben Platz anwesend, auf dem auch ich und meine Sitznachbarn Platz nehmen.
Tatsächlich ist die Arbeit eine so gedanklich vereinnahmende Tätigkeit, dass die Psyche diesen Zustand nicht auf Dauer verkraften kann. So klebt sie morgens unter anderen auf den selben S-Bahn Plätzen wie am Tag zuvor und wird dort auch beim verlassen der S-Bahn kleben bleiben. Andere Räume (das Ehebett, der Küchentisch) haben ebenfalls diese inkludierte Arbeit. Die versuchen die Arbeit daraufhin zu verweisen. Sie von uns bzw. außerhalb von uns wirken zu lassen.
Wir schaffen uns also einen psychischen Freiraum, in dem wir uns flüchten können, um den Gedankenraum der Arbeit weitest gehend zu schließen bzw. so von uns abzustreifen. In Stücke zu verpacken und dort jeden Morgen doch wieder auf ihn zu stoßen um mit unserem Freiraum gegen ihn anzukämpfen. Dass er uns ja nicht zu nah kommt. Schön platt sitzen.
Der in uns geschaffene Freiraum der dies tut, kann größer und auch kleiner sein und mit allen Gedanken und Emotionen gefüllt werden , die stark genug sind (Familie, Gameboy, FreundIn), um die stressigen Emotionen in Gegenständlichkeit zurück zu drängen.
Mit diesem „Freiraum“ findet nun aber nichts anderes als das wortwörtliche Verdrängen von Arbeit statt.
Mit all unseren Gedanken, richten wir uns gegen den belastenden Gedanken, gleich wieder aufnahmefähig für Namen, Nummern und Anforderungen individuellster Art zu sein. Dieser durch Fluchtgedanken (Familie & Co.) geschaffene Freiraum wirkt wie das Kommunikationsrohr, von dem ich vorhin schon sprach. Es lässt gefilterte Informationen zu und funktioniert nach Zwecken. Nämlich die Emotionen der Arbeit zu vergegenständlichen. Bei jedem Gedanken an die Arbeit zuckt der Freiraum in sich zusammen und weicht der Realität des Arbeitsprozesses der in seiner Rationalität alles vereinnahmend in sich schlingt, bis kein Photon Freiraum mehr zum absorbieren da ist. Dies ist der Übergang in eine Depression an dessen Ende erkannt wird, dass der geschaffene Freiraum tatsächlich seinen Titel unverdient erhielt. Denn ein Raum der sich frei nennt, darf keinem anderen Zweck als der der Freiheit dienlich sein. Einem Selbstzweck.
Tatsächlich ist es aber nur ein psychisches Instrument, um der Arbeitsrealität für einige Zeit zu entgehen. Gedanken der Arbeit beherrschen den totalen Gefühlszustand des einzelnen Menschen. Es passiert nicht selten, dass durch den erzwungenen Freiraum in jedem die Emotionen die dadurch versucht werden verdrängt zu werden, in objektisierten Familienmitgliedern oder Freunden ihren neuen Wirt finden müssen.
Jeder Arbeiter ist je nach Grad und Intensität der Arbeit der Gefahr einer Depression ausgesetzt. Denn die Depression zeigt uns im höchsten Maße nur das an: dass nämlich die Realität in unserer Vorstellung nicht mit der Realität im Äußeren, in unserem Alltag, übereinstimmt. Daraus resultiert, dass wir als Mensch immer weiter gezwungen sind unseren illusionären Freiraum entsagen zu müssen. Uns nur dem Arbeitsprozess mit aller Gedankenkraft zu fügen; Sämtliche andere Gedanken hinderlich sind. Der Moment des resignieren ist nah. Die Depression schlägt in Wut auf sich selbst um. Oder auch in Wut auf alle anderen, die diesen „Freiraum“ zerstörten. Die Verwandlung zum totalen Zombie ist bewerkstelligt. Oder der Kampf in die nächste Runde seinen „Freiraum“ aufrecht zu erhalten beginnt erneut. Familie. Freunde. Party. Pause. Torten. Enkelkinder. Ende.
Also wie war das? Es will sich mit der Frage „Wie geht’s dir“ nicht selbst belügen, in dem er die seinige Antwort doch eigentlich schon vorausahnen müsste? Genau. Sein Zweck ist es nicht die Antwort zu hören. Ich hab den Faden wieder. Die Frage „Wie geht’s dir“ beantworten alle Menschen gleich und schreibt einen einheitlichen Kommunikationsprozess voraus – unterwirft den Gegenüber also schon in ein gewisses Muster der Oberflächlichkeit, was eine Beschäftigung mit tieferen Gefühlen die beide haben von vornherein ausschließt. Das heißt nicht, dass beide Person nicht gerne über das reden würden, was sie beschäftigt. Sie haben im Laufe ihres Arbeiterlebens gelernt, dass nur die sozialen Skills gefragt sind, die halt gefragt sind. Sich auf andere Personen in ihrer vollen individuellen Qualität einzulassen und sich von ihr vereinnahmen zu lassen und sich in die andere Person einzubringen, ist nicht gefragt. Es geht im Alltag jedens nur noch um einen zweckgerichteten Informationsaustausch. Mit diesem letzten Fazit bin ich vielleicht nicht dicht an dem dran, was es aus uns macht: Objekte von immer wiederkehrenden Kommunikationsstrukturen, die wir wie Roboter ausführen, sobald einer anfängt loszuschießen mit seiner ersten Frage. Und wir können gar nicht anders, als zurück zu schießen, aus Angst, verletzt zu werden. Oder? Haben wir Angst? Wir? Ich? :)
Montag, 24. Januar 2011
Freitag, 14. Januar 2011
Als der Dachs mal traurig war
Kurzgeschichte: Als der Dachs mal traurig war by superbein

Ein wenig anders war dem Dachs, als es sich die Sonne zur Mittagszeit an ihrem höchsten Stand zwischen den Südgipfeln und der hohen Eiche, die mitten auf einer Waldlichtung ihre tiefen Wurzeln geschlagen hatte, ansah. Satt war er und auch geliebt von seiner Frau. Er hatte alles, was das Leben eines Dachses zu eben jenem machte. Seine Brille zurecht rückend wand er sich schweren Schrittes von dem alten Bild ab und beschloss der Kröte vom See seine Lasten zu erzählen. Doch die Kröte konnte den Dachs nicht weiter helfen, denn sie war zu sehr mit ihrem Überleben beschäftigt. Der See musste noch diesen Herbstabend leer gefuttert werden, denn der Winter sollte den Sauerstoff des Wassers vollends entziehen.
Der Dachs atmete tief und hatte dabei das Gefühl, dass nicht nur der See diesen Winter an Sauerstoff mangeln würde. Traurig Zog er zu seinem Freund dem Igel weiter. Die Flusswindungen leiteten ihn vom See aus zum Unterschlupf des frechen Freundes. Mit traurigen Augen blickte der Dachs seinen Freund an und versuchte mit Worten zu zeigen, was ihn so sehr bedrückte. Doch egal was er auch sagte, der Igel konnte nicht aufhören zu lachen. Er lachte und lachte und auch als der Dachs schon längst weiter im Wald versunken war, konnte man noch das Lachen des frechen Freundes schallend wahr nehmen. Von allen Bäumen her schien es dem Dachs durchs Gesicht zu peitschen und endlich, als er den höchsten aller Baumwipfel auf den höchsten aller Berge im tiefsten des Waldes erklommen hatte war der Dachs befreit von allem Geräusch. Nur sein eigener Pulsschlag spendete ihm nun noch Anwesenheit, doch wurde auch dieser immer stiller.
Die Sonne hatte sich ohne Verabschiedung getrennt, doch dem Dachs machte es jetzt nichts mehr aus. So hoch über dem Wald war es von Vorteil nicht all zu weit gucken zu können, denn schwindelfrei war der Dachs nie gewesen. Eine frische Brise vom vergangenen See schwenkte den Baum im Herzschritt des Dachses. Er schloss die Augen und wünschte sich ein Vogel zu sein. Dann wollte er noch wissen wie er hier her gelangen konnte. Dachse auf Bäume sind bekanntlich vom Aussterben bedroht.
Ein wenig anders war dem Dachs, als es sich die Sonne zur Mittagszeit an ihrem höchsten Stand zwischen den Südgipfeln und der hohen Eiche, die mitten auf einer Waldlichtung ihre tiefen Wurzeln geschlagen hatte, ansah. Satt war er und auch geliebt von seiner Frau. Er hatte alles, was das Leben eines Dachses zu eben jenem machte. Seine Brille zurecht rückend wand er sich schweren Schrittes von dem alten Bild ab und beschloss der Kröte vom See seine Lasten zu erzählen. Doch die Kröte konnte den Dachs nicht weiter helfen, denn sie war zu sehr mit ihrem Überleben beschäftigt. Der See musste noch diesen Herbstabend leer gefuttert werden, denn der Winter sollte den Sauerstoff des Wassers vollends entziehen.
Der Dachs atmete tief und hatte dabei das Gefühl, dass nicht nur der See diesen Winter an Sauerstoff mangeln würde. Traurig Zog er zu seinem Freund dem Igel weiter. Die Flusswindungen leiteten ihn vom See aus zum Unterschlupf des frechen Freundes. Mit traurigen Augen blickte der Dachs seinen Freund an und versuchte mit Worten zu zeigen, was ihn so sehr bedrückte. Doch egal was er auch sagte, der Igel konnte nicht aufhören zu lachen. Er lachte und lachte und auch als der Dachs schon längst weiter im Wald versunken war, konnte man noch das Lachen des frechen Freundes schallend wahr nehmen. Von allen Bäumen her schien es dem Dachs durchs Gesicht zu peitschen und endlich, als er den höchsten aller Baumwipfel auf den höchsten aller Berge im tiefsten des Waldes erklommen hatte war der Dachs befreit von allem Geräusch. Nur sein eigener Pulsschlag spendete ihm nun noch Anwesenheit, doch wurde auch dieser immer stiller.
Die Sonne hatte sich ohne Verabschiedung getrennt, doch dem Dachs machte es jetzt nichts mehr aus. So hoch über dem Wald war es von Vorteil nicht all zu weit gucken zu können, denn schwindelfrei war der Dachs nie gewesen. Eine frische Brise vom vergangenen See schwenkte den Baum im Herzschritt des Dachses. Er schloss die Augen und wünschte sich ein Vogel zu sein. Dann wollte er noch wissen wie er hier her gelangen konnte. Dachse auf Bäume sind bekanntlich vom Aussterben bedroht.
Samstag, 1. Januar 2011
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