Mittwoch, 26. Mai 2010

Autobahnepik: Wenn der Kopf rollen muss


Nichts ließ den Fahrer des LKWs an diesem Morgen darauf schließen, welche Tageszeit geschweige denn welcher Tag ihm nun vorherrschte. Wie seine sich ewig rotierenden Reifen, ließ er sich über den Asphalt deutscher, tschechischer und polnischer Straßen schleifen. Seine Augen ließen nur noch wenig Licht durch; Sein Herz schlug erst schnell, wenn er Café trank. Hin und wieder legte er die Hand von seinem Lenkrad in die Hose, um sich freudige Momente zu schaffen, denn was anderes blieb ihm in diesem quadratisch-stählernen Kasten nicht. An ihm vorbeisausend die heiße Luft des Tages, begleitet von einem kühlenden Regen zur Mittagszeit, welcher zur Nacht hin peitschend wurde und die vereinzelten Bäume am Straßenrand schwanken ließ. Er spürte all diese Dinge nicht und interessiert war er auch nicht. Das Radio lief seit Jahren auf dem selben Sender und er hätte jedes Lied mitsingen können, hätte er dies gewollt. Doch ihm war nicht mehr danach.

Er war auch froh, wenn er sich nach 12 Stunden in seinen LKW zum Schlafen hinlegen konnte. Das nahm ihm die Sicht von der Straße, wenn er dann die Augen schließen konnte. Nicht, dass dies was an seinem eigentlichen Bild geändert hätte, denn nach all den Jahren nahm er das was sich vor ihm abspielte genau so wenig wahr, wie in der Welt seiner Träume, die er ebenfalls Teilnahme- wie Erinnerungslos verließ, wenn er mit einem Grummeln am nächsten Morgen in seinem LKW die Augen wieder aufschlug.
Doch in der Nacht, in der er so sehr für sich wusste, dass sich permanent nichts anderes, als eine Erholungsphase zu seinen Gunsten abspielte, kam noch das in ihm hoch, was er zu Tage nicht mehr zu denken vermochte:

Er flog durch nach Honig duftenden Blumenmeeren, die sanft seine raue Haut streichelten; Und immer schneller flog er nahe am grün und er schaute nach rechts; Und er schaute schnell nach links und er sah ein Rehkitz, was gerade gelernt hatte zu laufen und er freute sich, dass das Reh nicht alleine war und es auch noch andere außer ihn geben könnnte, die sich an Rehkitzen erfreuen würden; Und er versank in eine Gedankenspirale, die ihn von den Blumen hinunter in den tiefsten Ozean eintauchen ließ; Salz stieg durch seine Poren bis in die letzte Nische seines Körpers. Oben sah er noch die Sauerstoffbläschen an die Oberfläche steigen und unter ihm einen Schwarm mit Clownfischen, die mit ihren winzigen Flossen alle im gleichen Takt des Meeresrauschen wie durch eine Blutarterie beieinander gehalten ihre Bahnen zogen. Und er machte sich Gedanken, ob es Fische sind, die eines Tages an Land kommen werden und eine neue Zivilisation gründen werden, nachdem der Mensch die seinige zerstört hatte. Oder war das Leben unter Wasser vielleicht das bessere? Und er fragte sich, ob die Fische es besser machen würden und drückte ihnen beim Vorbeischwimmen freudestrahlend die Daumen, bevor er sich Stunden später wieder mit halb eingesunkenen Augen an seinem Steuer wiederfand; Alleine. Er fragte sich kurz, wie er hier hingekommen war; Dann rollten die Reifen weiter. Ein schleißendes Geräusch machte sich in seinem Kopf breit.

Montag, 3. Mai 2010

Nächste Quest: Straßenbahnfahrt


Die Sonne knallt auf meine Haut und lässt mich auf der Straße wie triefende Windbeutel aussehen. Meine schwarze Lederkluft umhüllt meinen dürren Körper. Der Hut lässt wenig Augenkontakt mit den an mir vorbei gleitenden zu. Ich werde beachtet und die Menschen weichen mir aus, das kann ich fühlen und das ist gut.
Ich denke an den letzten Abend und merke, dass ich die Quest nicht fertig habe. Teamspeak lenkt ab, ist aber ein notwendiges Übel. Ohne diesen Quatsch wäre ich durch. Die lahmen Noobs können erst mal googln, bevor sie mich volllabern.
Die Bahntür geht auf und ich pass auf, dass mein Mantel beim automatischen Zuschließen nicht dazwischen liegt. Vor mir steht eine fette Frau mit ihrer fetten Tochter und sie essen beide einen fetten Döner. Ich hole mein iPad raus und tue so, als wäre ich beschäftigt. Die anzuschauen macht mir schlechte Laune.

„Sei ruhig hab ich dir gesagt!“
„Du hast es mir versprochen!“
„Gar nichts habe ich dir versprochen!“
„Ich ruf das Jugendamt an!“
„Den Döner kannst du dir in den Arsch stecken.“
„Nie hast du Zeit für mich!“
„Du siehst doch, dass ich beschäftigt bin!“
„Du bist immer beschäftigt!“
„Die eine Quest noch!“
Das kleine Mädchen fängt auf Kommando an zu weinen. Die Mutter kennt den Trick schon und setzt genervt ihre Coladose auf den Computer-Schreibtisch ab. Ein letztes Mal holt sie tief Luft:
„Ein Döner und dann gehen wir wieder nach Hause!“
Eine kurze Stille tritt ein. Das Mädchen reibt sich den Rotz aus dem Gesicht:
„Yippi!“

Batterie ist alle und ich bin noch nicht zu Hause. 500 Euro für Nutzlosigkeit! Ich zieh ein wenig an meinem Hut. Das kleine Mädchen starrt mich die ganze Zeit mit ihrem Döner an. Mir ist unwohl. Können die ihren Döner nicht woanders essen?
Ich schließe meine Augen und öffne sie. Die kleine glotzt immer noch. Sollen sie ruhig alle glotzen. Die Tür geht auf und eine alte Frau drängt die hinter ihr stehende Menschenmasse zurück, um anschließend an mir vorbei stürmend einen Sitzplatz zu ergattern. Nervig! Ich sag aber nichts.
Die Musik von dem da drüben geht gar nicht. Viel zu laut. Sind wir in der Disco? Ich sag nichts.
Ich schließe die Augen und öffne sie. Das kleine Mädchen schaut mich wieder an. Als würde sie was sagen. Sie hat kurzes fettiges Haar und einen kaputten Pony, ähnlich der ihrer Mutter. Der Pullover, den sie an hat, ist völlig ausgewaschen und lässt das Mädchen in der Hitze der stechenden Mittagssonne schwitzen. Es wird matschig in meinem Hirn. Alles wird weich:

„Hey!“
„?“
„Wieso guckst du mich nicht an?“
„?“
„Hast du Angst vor mir?“
„!“
„Möchtest du etwas von meinem Döner?“
„Ich esse keinen Döner“, sage oder denke ich, obwohl mein Margen knurrt.
„Bist du alleine?“
„Wie alleine?“
„Wo sind deine Freunde?“
„Nicht hier“
„Wo sind sie?“
„Ich sehe sie im Rockhouse am Wochenende“
„Oh. Ich hab keine Freunde“
Ich schlucke.
„Na und?“
„Ich will, dass du mein Freund bist“
„Ich kann nicht dein Freund sein“
„Wieso kannst du das nicht?“
„Du bist zu jung“
„Oh“
„...“, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Die Fragen sind sehr stechend. Wabrige warme Gedanken umfließen mich, wie ich sie erste heute kennen lerne.
„Meine Mutter spielt auch PC.“
„Schön für deine Mutter“
„Sie hat nie Zeit für mich“
„Ich auch nicht für dich“. Es tut mir weh, das zu denken oder zu sagen. Die kleine schaut mich mit ihren Kulleraugen an.
„Was soll das?“
„Sei mein Freund. Bitte!“
„Such dir andere Freunde.“ Ich möchte ebenfalls eine „Bitte“ hinterher setzen, bin aber noch stark genug. Die alte Fotze stößt mich fast um, als sie bei der nächsten Station wieder an mir vorbeizieht.
„Ich bin allein“
„Ich nicht!“
„Warum trägst du den Mantel“
„Kümmer dich um deinen eigenen scheiß!“
„Ich bin doch erst 7“
„Du willst doch nur, dass ich dir deinen Döner bezahle!", schreie ich. Eine Träne entrinnt meinen Augen während ich mir im selben Moment bewusst werde, dass ich diesen Satz wirklich gesagt habe. Ein Stofffetzen meines schwingenden Umhangs bleibt fest in der Bahntür hängen, als ich spontan entschließe vor den verdutzten Augenpaaren des kleinen Mädchens und der Mutter zu entkommen und hinter der alten Frau mit raus zuspringe. Ganz unten auf dem Bahnsteig beginnt meine Nase zu bluten und ich fühle mich so alleine. Keiner hilft mir auf.
Nächste Quest, sage ich mir und versperre das Erlebte dem Langzeitgedächtnis, während ein Stück Lederjacke auf Ewig in dem fresssüchtigen Stadtbahntüren Hannovers hängen bleibt. Die Uhr sagt 8 und ich renne los, um die Lan nicht zu verpassen. In der Bahn beginnt das kleine Mädchen unbeachtet zu weinen, während die Mutter gedanklich schon gegen The_Darklord24 im Teamspeak wettert.

Weder ich noch wir


Ich kann mich verstecken, hinter einem Berg; Ein Berg, so weit wie der Himmel von tausend Welten und so hoch wie die höchste Achterbahn; Hoch bis zu den unzähligen Sternen gibt es sie; Das Adrenalin steigt, wenn ich auf der Spitze stehe und alle um mich herum; Kurz vor dem Abstieg, möchte ich runter springen; Nur um zu schauen, was passiert; Nur um zu fühlen, wie ich dann alleine fliege; Doch ich kann nicht; Wir sitzen fest.
Atemberaubendes Blumenvolk umgibt duftend mein völlig in der Reihe tanzendes Hiersein; Alles ist schön und ich gehöre hier hin; Ich fühle den Wind, wie er an meinen Waden entlang streicht und einige Wassertropfen, welche er aus eiskalten Quellflüssen geraubt hatte, an mir verliert; Meine Auge schließt sich.

Faktisch ändert sich die Situation in der Wahrnehmung des aufgeklärten individuellen Menschen. Ich denke: Rationalität bestimmt Ökonomie. Rationalisieren bestimmt den Arbeitsmarkt. Ich sehe meinen Vorteil: Ratio gleich Verstand.
Anti-Ratio bedeutet, das System zu stürzen. Der Weg: Verstaatlichung = > Kommunismus = > befreite Gesellschaft. Quelle: wikipedia.de

Ich kann mich hinter dem alles an sich reißenden Wind aus millionen heißer zuckriger nach honig duftender Liebe stellen; Diesen Wind fühlen und ihn in mir eindringen lassen; So tief, dass es mich schmerzt; So tief, dass die Nadeln im Hinterkopf durch meine Pupillen wieder Tageslicht sehen und es blutet; Ich bin blind von allem; Den Schmerz und die nassen Tränen in meinem Gesicht und das tiefe stechen meines Herzens und das kratzenste Glühen bei meiner Stirn.

Ich kann fachmännisch analysieren, welcher Prozesskomplex de facto inkompatibel zum Resultat X ist. Lösung X = Y => Holocaust²

Meine Augen öffnen sich, weil ich sie öffne. Ich kann mich sehen wie ich bin und ich kann tun was ich kann und ich sehe was ich sehen will und ich handle wie ich handeln will und ich will dar sein für das ganze. Und ich will fühlen wie das ganze und alle; Und ich will mich fühlen und ich will dich fühlen und gesehen werden. Ich bin für dich da, weil du für mich da bist². Und ich sehe mit vielen Augen, denn wir sind ich und ich bin wir.