
Nichts ließ den Fahrer des LKWs an diesem Morgen darauf schließen, welche Tageszeit geschweige denn welcher Tag ihm nun vorherrschte. Wie seine sich ewig rotierenden Reifen, ließ er sich über den Asphalt deutscher, tschechischer und polnischer Straßen schleifen. Seine Augen ließen nur noch wenig Licht durch; Sein Herz schlug erst schnell, wenn er Café trank. Hin und wieder legte er die Hand von seinem Lenkrad in die Hose, um sich freudige Momente zu schaffen, denn was anderes blieb ihm in diesem quadratisch-stählernen Kasten nicht. An ihm vorbeisausend die heiße Luft des Tages, begleitet von einem kühlenden Regen zur Mittagszeit, welcher zur Nacht hin peitschend wurde und die vereinzelten Bäume am Straßenrand schwanken ließ. Er spürte all diese Dinge nicht und interessiert war er auch nicht. Das Radio lief seit Jahren auf dem selben Sender und er hätte jedes Lied mitsingen können, hätte er dies gewollt. Doch ihm war nicht mehr danach.
Er war auch froh, wenn er sich nach 12 Stunden in seinen LKW zum Schlafen hinlegen konnte. Das nahm ihm die Sicht von der Straße, wenn er dann die Augen schließen konnte. Nicht, dass dies was an seinem eigentlichen Bild geändert hätte, denn nach all den Jahren nahm er das was sich vor ihm abspielte genau so wenig wahr, wie in der Welt seiner Träume, die er ebenfalls Teilnahme- wie Erinnerungslos verließ, wenn er mit einem Grummeln am nächsten Morgen in seinem LKW die Augen wieder aufschlug.
Doch in der Nacht, in der er so sehr für sich wusste, dass sich permanent nichts anderes, als eine Erholungsphase zu seinen Gunsten abspielte, kam noch das in ihm hoch, was er zu Tage nicht mehr zu denken vermochte:
Er flog durch nach Honig duftenden Blumenmeeren, die sanft seine raue Haut streichelten; Und immer schneller flog er nahe am grün und er schaute nach rechts; Und er schaute schnell nach links und er sah ein Rehkitz, was gerade gelernt hatte zu laufen und er freute sich, dass das Reh nicht alleine war und es auch noch andere außer ihn geben könnnte, die sich an Rehkitzen erfreuen würden; Und er versank in eine Gedankenspirale, die ihn von den Blumen hinunter in den tiefsten Ozean eintauchen ließ; Salz stieg durch seine Poren bis in die letzte Nische seines Körpers. Oben sah er noch die Sauerstoffbläschen an die Oberfläche steigen und unter ihm einen Schwarm mit Clownfischen, die mit ihren winzigen Flossen alle im gleichen Takt des Meeresrauschen wie durch eine Blutarterie beieinander gehalten ihre Bahnen zogen. Und er machte sich Gedanken, ob es Fische sind, die eines Tages an Land kommen werden und eine neue Zivilisation gründen werden, nachdem der Mensch die seinige zerstört hatte. Oder war das Leben unter Wasser vielleicht das bessere? Und er fragte sich, ob die Fische es besser machen würden und drückte ihnen beim Vorbeischwimmen freudestrahlend die Daumen, bevor er sich Stunden später wieder mit halb eingesunkenen Augen an seinem Steuer wiederfand; Alleine. Er fragte sich kurz, wie er hier hingekommen war; Dann rollten die Reifen weiter. Ein schleißendes Geräusch machte sich in seinem Kopf breit.