Montag, 3. Mai 2010

Nächste Quest: Straßenbahnfahrt


Die Sonne knallt auf meine Haut und lässt mich auf der Straße wie triefende Windbeutel aussehen. Meine schwarze Lederkluft umhüllt meinen dürren Körper. Der Hut lässt wenig Augenkontakt mit den an mir vorbei gleitenden zu. Ich werde beachtet und die Menschen weichen mir aus, das kann ich fühlen und das ist gut.
Ich denke an den letzten Abend und merke, dass ich die Quest nicht fertig habe. Teamspeak lenkt ab, ist aber ein notwendiges Übel. Ohne diesen Quatsch wäre ich durch. Die lahmen Noobs können erst mal googln, bevor sie mich volllabern.
Die Bahntür geht auf und ich pass auf, dass mein Mantel beim automatischen Zuschließen nicht dazwischen liegt. Vor mir steht eine fette Frau mit ihrer fetten Tochter und sie essen beide einen fetten Döner. Ich hole mein iPad raus und tue so, als wäre ich beschäftigt. Die anzuschauen macht mir schlechte Laune.

„Sei ruhig hab ich dir gesagt!“
„Du hast es mir versprochen!“
„Gar nichts habe ich dir versprochen!“
„Ich ruf das Jugendamt an!“
„Den Döner kannst du dir in den Arsch stecken.“
„Nie hast du Zeit für mich!“
„Du siehst doch, dass ich beschäftigt bin!“
„Du bist immer beschäftigt!“
„Die eine Quest noch!“
Das kleine Mädchen fängt auf Kommando an zu weinen. Die Mutter kennt den Trick schon und setzt genervt ihre Coladose auf den Computer-Schreibtisch ab. Ein letztes Mal holt sie tief Luft:
„Ein Döner und dann gehen wir wieder nach Hause!“
Eine kurze Stille tritt ein. Das Mädchen reibt sich den Rotz aus dem Gesicht:
„Yippi!“

Batterie ist alle und ich bin noch nicht zu Hause. 500 Euro für Nutzlosigkeit! Ich zieh ein wenig an meinem Hut. Das kleine Mädchen starrt mich die ganze Zeit mit ihrem Döner an. Mir ist unwohl. Können die ihren Döner nicht woanders essen?
Ich schließe meine Augen und öffne sie. Die kleine glotzt immer noch. Sollen sie ruhig alle glotzen. Die Tür geht auf und eine alte Frau drängt die hinter ihr stehende Menschenmasse zurück, um anschließend an mir vorbei stürmend einen Sitzplatz zu ergattern. Nervig! Ich sag aber nichts.
Die Musik von dem da drüben geht gar nicht. Viel zu laut. Sind wir in der Disco? Ich sag nichts.
Ich schließe die Augen und öffne sie. Das kleine Mädchen schaut mich wieder an. Als würde sie was sagen. Sie hat kurzes fettiges Haar und einen kaputten Pony, ähnlich der ihrer Mutter. Der Pullover, den sie an hat, ist völlig ausgewaschen und lässt das Mädchen in der Hitze der stechenden Mittagssonne schwitzen. Es wird matschig in meinem Hirn. Alles wird weich:

„Hey!“
„?“
„Wieso guckst du mich nicht an?“
„?“
„Hast du Angst vor mir?“
„!“
„Möchtest du etwas von meinem Döner?“
„Ich esse keinen Döner“, sage oder denke ich, obwohl mein Margen knurrt.
„Bist du alleine?“
„Wie alleine?“
„Wo sind deine Freunde?“
„Nicht hier“
„Wo sind sie?“
„Ich sehe sie im Rockhouse am Wochenende“
„Oh. Ich hab keine Freunde“
Ich schlucke.
„Na und?“
„Ich will, dass du mein Freund bist“
„Ich kann nicht dein Freund sein“
„Wieso kannst du das nicht?“
„Du bist zu jung“
„Oh“
„...“, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Die Fragen sind sehr stechend. Wabrige warme Gedanken umfließen mich, wie ich sie erste heute kennen lerne.
„Meine Mutter spielt auch PC.“
„Schön für deine Mutter“
„Sie hat nie Zeit für mich“
„Ich auch nicht für dich“. Es tut mir weh, das zu denken oder zu sagen. Die kleine schaut mich mit ihren Kulleraugen an.
„Was soll das?“
„Sei mein Freund. Bitte!“
„Such dir andere Freunde.“ Ich möchte ebenfalls eine „Bitte“ hinterher setzen, bin aber noch stark genug. Die alte Fotze stößt mich fast um, als sie bei der nächsten Station wieder an mir vorbeizieht.
„Ich bin allein“
„Ich nicht!“
„Warum trägst du den Mantel“
„Kümmer dich um deinen eigenen scheiß!“
„Ich bin doch erst 7“
„Du willst doch nur, dass ich dir deinen Döner bezahle!", schreie ich. Eine Träne entrinnt meinen Augen während ich mir im selben Moment bewusst werde, dass ich diesen Satz wirklich gesagt habe. Ein Stofffetzen meines schwingenden Umhangs bleibt fest in der Bahntür hängen, als ich spontan entschließe vor den verdutzten Augenpaaren des kleinen Mädchens und der Mutter zu entkommen und hinter der alten Frau mit raus zuspringe. Ganz unten auf dem Bahnsteig beginnt meine Nase zu bluten und ich fühle mich so alleine. Keiner hilft mir auf.
Nächste Quest, sage ich mir und versperre das Erlebte dem Langzeitgedächtnis, während ein Stück Lederjacke auf Ewig in dem fresssüchtigen Stadtbahntüren Hannovers hängen bleibt. Die Uhr sagt 8 und ich renne los, um die Lan nicht zu verpassen. In der Bahn beginnt das kleine Mädchen unbeachtet zu weinen, während die Mutter gedanklich schon gegen The_Darklord24 im Teamspeak wettert.

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