Dienstag, 22. Juni 2010

Es war einmal ... Der Lohn


Die alleinerziehende Feuerdrachin Fuchor lebte das Leben eines arbeitenden Wesens. Am Tage war Fuchor auf der Suche nach Nahrung und abends kam sie mit den erbeuteten Rittern, die sie sich bei gefahrvollen Duellen zu Eigen machte, in ihr Nest zurück.
Wie ein Ei mit einer etwas zu hart geratenen Schale musst der riesige Drache die Ritterbeute erst aus seiner Rüstung pellen und dann den widerspenstigen Ritterkörper in mundgerechte Stücke für ihre Kinderdrachen zerhacken. Niemand schätze die Arbeit die Fuchor für sich und ihre beiden Drachenkinder Sauron und Lisa auf sich nahm, doch das war ihr auch nicht wichtig.
Eines Tages entschlossen sich die Ritter in den Ritterburgen neben ihrem König an der Tafelrunde für immer niederzulassen und die Drachenkämpfe nicht fortzuführen; Jener wäre nicht mehr rentabel genug. Statt auf ruhmreichen Zügen ihrem Königreich materiellen Reichtum zu erbeuten, begnügten sie sich nun in neuen Gewändern den Bauern auf seinen Feldern das Leben schwer zumachen. Der Königshof, der nun um sein doppeltes an Magen und anderen Bedürfnissen angewachsen war, verlangte nach Sättigung. Da sich der König und sein göttlich begnadigtes Anhängsel nicht zu Feldarbeit ermuntern ließ, arbeitete der Bauer folglich doppelt so viel, um auch noch den letzten Ritter die Freuden des Genusses zu ermöglichen. Dieses System versprach einen merklich kleineren Arbeitsaufwand im vergleich zum mühevollen Drachen jagen und einen viel größeren Ertrag.
Als die Feuerdrachin sich die Umstände aus luftigen Höhen erstaunt anguckte, war sie besorgt um ihre nun mit anderen Dingen beschäftige Nahrunsquelle. Auch der Bauer hatte schon von jeher nie eine Alternative zum gut genährten Rittervolk dargestellt. Viel zu dürr wäre ein solcher Bauer doch für Fuchor und ihre zwei hungrigen Kindern gewesen. Die harte Feldarbeit brachte den arbeitenden Bauern kein Gramm mehr Fett auf die Rippen – im Gegenteil! So verschonte Fuchor die Bauern aus Mitleid und starb selbst.
Als eine Hexe aus dem nahe gelegenen Wald bei der Suche nach dem Heiligen Grahl auf das nun ungeschützte Drachennest von Sauron und Lisa stieß, ergriff sie die Gelegenheit beim Schopf und krallte sich die Wesen unter ihren linken und rechten arm. Die Hexe war sehr aufgeregt und hechtete so schnell sie ihre alten Knochen trugen in ihre Hexenhütte tief tief tief im Wald zurück, wo sie die Tür hinter sich zu schlug und mit einem wirkungsvollen Bann vor unerwünschten Eindringlingen schütze. Die Drachenkinder weinten schrecklich nach ihrer Mutter und wollten und wollten nicht aufhören die Hütte in Brand zu stecken. Die Hexe beschloss ihre Errungenschaften groß zu ziehen, denn nie hatte sie eigene Kinder gehabt. Die Drachenkinder waren noch jung und gewöhnten sich schnell an die neuen Bedingungen anzupassen. Die Hexe brachte ihnen bei, sich von Bäumen und Wiesen zu ernähren und so taten sie es. Bald waren sie ausgebildete Hexe und Zauberer und zudem so groß, dass sie keinen Platz mehr in der engen Hütte fanden. Die Hexe war lieb zu ihnen gewesen und als die Kinder keine Kinder mehr waren, dankten sie es ihr und flogen davon.
Die Hexe lehnte sich in ihrem großen Ohrensessel vor ihrem Kaminfeuer zurück und genoss sich selbst. Doch plötzlich störten sie von draußen laute Geräusche. Das wäre recht ungewöhnlich für diesen Ort - Menschen. Sie blickte verwundert nach draußen und erschrak: Da wo die Weggeflogenen den Wald verzerrt hatten, siedelten sich nun zum Ärger der Hexe die einstige Ritterschaft an. Große Häuser in den Menschen Tag und Nacht Stoffe webten, an großen Werkzeugen, die sie nicht durch Magie erklären ließen. Sie waren ihr unheimlich. Das war dem obersten der Herrschaft jedoch egal, als er der Hexe den Beschluss des Königs vor trug: Das Hexenhäusen müsse leider der Erweiterung des Manufakturgebäudes AII und des damit benötigten Baugrunds Platz gebieten; Und es geschah.
Die Hexe hatte keine Kraft mehr um sie mich Magie wehren denn sie war alt und hatte all ihre Liebe und somit übersinnliche Kraft in die ihrer Kinder gegeben.
So blieb ihr nichts anderes übrig als ebenfalls in der Manufaktur Seidenfäden mit ihren letzten körperlichen Kräften zu ordnen, um sich mit dem Lohn ein kleines Leben am Rande der Stadt zu ermühen.
Eines anderen Tages schrieb sie einen Brief an ihre Kinder und bat sie um Beistand. Ihre Augen wären so schlecht geworden, dass sie die Stoffe nicht mehr in ihren Farben unterscheiden könne und so würde ihr der Arbeitskraftverlust vom Lohnherren abgezogen werden. Doch die Kinder waren selbst nicht in der Lage ihrer Mutter zu helfen. Der Wald, den sie anstatt der Ritter verspeisten, wie es ihnen beigebracht wurde, ging schon alsbald sie die Hexe verlassen hatten auch andern Orts zur Neige und so waren auch sie gezwungen gewesen in einer anderen Manufaktur zu arbeiten; Die Kohleöfen zu heißen um so die Stromerzeugung anzutreiben. Das hatte die Produktivität dieser Manufaktur um das fast dreifache gesteigert und verschaffte dem ritterlichen Besitzer einen enormen Vorsprung im Vergleich zu seiner Konkurrenz. Den Lohn konnten die beiden Drachen einlösen, um wenige der bei der Arbeit verstorbenen und eher ungenießbaren Kollegen zu verspeisen – das hatte der König ihnen geboten und sie mussten es annehmen. Jedoch reichte ihr Geld nicht um die arme Stiefmutter, die sich so lieb um sie gekümmert hatte, in Pflege zu nehmen. Auch ihre Magie war nicht stark genug um ihr zu helfen, denn die Arbeit hatte auch noch den letzten Funken dieser Fähigkeit aus ihnen gesogen. Für die alte Frau kam alles so gar noch viel schlimmer:
Dadurch, dass die Manufaktur der Drachenkinder so viel schneller mehr Stoffe herstellen konnten, konnten diese ihre Preise auf dem Markt deutlich im Vergleich zu der Manufaktur der Hexe senken. So kam es, dass die Hexe gezwungen wurde noch schneller zu arbeiten, damit auch in ihrer Manufaktur mehr Stoffe produziert würden und der Preis dem gegenüber der Konkurrenz anzupassen. Sauron und Lisa wollte dem Manufakturbetrieb der Stiefmutter beitreten, was dem Besitzer auch sicherlich gefallen hätte, doch der Arbeitgeber der Drachenkinder ließ eine Kündigung nur unter Todesstrafe zu. So starb die Alte qualvoll, weil dies so harte Arbeit ihre letzten Lebenskräfte raubte und die Drachenkinder hatten bei ihrer nächsten Lohnzahlung keine andere Möglichkeit um ihres eigenen Überlebens wegen, als den Leichnam ihrer Mutter mit tränenden Augen zu verspeisen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute... eher recht als schlecht...

Mittwoch, 16. Juni 2010

Am Anfang war das Wort


Kai setzte sich eines Tages zu seinen anderen Freunden auf die Wiese und überlegte wie es wohl wäre eine von denen ihn umgebenden Blumen zu sein. Wohl bemerkt sei, dass Kai eigentlich gar nicht der Typ war, der sich solche Fragen stellte. Kai war im Gegensatz zu dem Rest der Außenwelt eigentlich ein eher still lebender Mensch, der noch nicht mal wirkliche Freunde hatte. Der einzige Freund, der ihm wirklich immer treust ergeben war, hieß Matt und jener brach sich das Genick als er mit einem Satz vom Barhocker zurück schwankte. Die Erdanziehungskraft erledigte für ihn den Rest genau wie für Kai, denn der blieb mit seinem Hocker erstarrt neben der Leiche sitzen und nahm noch nicht mal dankend das nächste Bier entgegen, was der Gastwirt ihm gleichgültig hinstellte.
Kai war ganz und gar nicht der Typ für Wiesen. Um ehrlich zu sein verabscheute er diese so gar. Als Kind war er allergisch gegen alles und jeden gewesen. Kai roch viel lieber an seinen alten antiquarischen Briefen aus dem zweiten Weltkrieg, denen des ersten Weltkrieges und noch viele andere Kriegsbriefe, deren Sprache er noch nicht einmal beherrschte. Er war ein leidenschaftlicher Briefsammler und sehr stolz auf die nun schon über 12.000 Zeitzeugen, die ihn Kreisförmig in seinem Wohnzimmer listig sortiert umzingelten. Insgeheim wünschte er sich auch einmal einer von diesen Kriegsbriefen im Regal eines werten Herren von Welt zu sein. Nur war kein Krieg und es gab für ihn nicht die Notwendigkeit einen Kriegsbrief zu schreiben. So wartete Kai nun schon viele Jahre geduldig auf seine Zeit.
Ab und zu erwarb er dieses und jenes Briefbündel bei Auktionen, wenn wieder einmal ein Mensch den weltlichen Horizont verließ und zu dem wurde, was ihn geschaffen hatte. Der Circel Of Live wie Eltono John es einst in einem treffenden Song betitelte. Kai kannte diesen Song nicht, genauso wie er Elton John nicht kannte und auch sonst wusste er nicht viel. Er wusste, dass sein Leben einsam war und dachte nicht dran. Kai wusste, dass der Alkohol ihn auf Dauer die Niere kosten würde – das hatte er mal bei Galileo gesehen- und auch daran dachte er nicht. Kai war ein guter Verdränger. In der Tat etwas, auf das er hätte sehr stolz sein können, wäre er nicht so beschäftigt mit seinem Circel Of Life gewesen.
Kai stand immer morgens um Punk 11 Uhr auf, streckte das linke und dann das entgegengesetzte Beine jeweils in die entsprechenden Richtungen aus. Kai stand dann auf. Er Frühstückte eine halbe mit Haferflocken gefüllte Schüssel. Oder besser gesagt frühstückte Kai die Haferflocken die in der Schüssel bis zur Hälfte gefüllt waren, denn die Schüssel war ihm mindestens genauso heilig wie seine Sammlung von Kriegsbriefen. Gäbe es eine Liste mit Dingen die Kai wichtig wären, dann hätte ein Tag auf einer Wiese sicherlich nicht drauf gestanden, denn das war unvereinbar mit seinem Leben.
Kai war kein Lebemann, sondern ein Mann der gelebt wurde und somit überlebte; Ein Mann mit einem grün roten Monster in ihm selbst, welches regelmäßig Feuer spuckte. Doch Kais Organismus hatte eine Art von Symbiose mit dem raffgierigen Ding gebildet und so lebten beide in ständiger Disharmonie.
Das einzige was Kai heute auf diese Wiese, mit einer Vielzahl von Blumen und Freunden und allem was dazugehört, brachte und zu alldem noch über den Horizont blicken ließ, war der zu Beginn gefasste Gedanke.