Mittwoch, 16. Juni 2010

Am Anfang war das Wort


Kai setzte sich eines Tages zu seinen anderen Freunden auf die Wiese und überlegte wie es wohl wäre eine von denen ihn umgebenden Blumen zu sein. Wohl bemerkt sei, dass Kai eigentlich gar nicht der Typ war, der sich solche Fragen stellte. Kai war im Gegensatz zu dem Rest der Außenwelt eigentlich ein eher still lebender Mensch, der noch nicht mal wirkliche Freunde hatte. Der einzige Freund, der ihm wirklich immer treust ergeben war, hieß Matt und jener brach sich das Genick als er mit einem Satz vom Barhocker zurück schwankte. Die Erdanziehungskraft erledigte für ihn den Rest genau wie für Kai, denn der blieb mit seinem Hocker erstarrt neben der Leiche sitzen und nahm noch nicht mal dankend das nächste Bier entgegen, was der Gastwirt ihm gleichgültig hinstellte.
Kai war ganz und gar nicht der Typ für Wiesen. Um ehrlich zu sein verabscheute er diese so gar. Als Kind war er allergisch gegen alles und jeden gewesen. Kai roch viel lieber an seinen alten antiquarischen Briefen aus dem zweiten Weltkrieg, denen des ersten Weltkrieges und noch viele andere Kriegsbriefe, deren Sprache er noch nicht einmal beherrschte. Er war ein leidenschaftlicher Briefsammler und sehr stolz auf die nun schon über 12.000 Zeitzeugen, die ihn Kreisförmig in seinem Wohnzimmer listig sortiert umzingelten. Insgeheim wünschte er sich auch einmal einer von diesen Kriegsbriefen im Regal eines werten Herren von Welt zu sein. Nur war kein Krieg und es gab für ihn nicht die Notwendigkeit einen Kriegsbrief zu schreiben. So wartete Kai nun schon viele Jahre geduldig auf seine Zeit.
Ab und zu erwarb er dieses und jenes Briefbündel bei Auktionen, wenn wieder einmal ein Mensch den weltlichen Horizont verließ und zu dem wurde, was ihn geschaffen hatte. Der Circel Of Live wie Eltono John es einst in einem treffenden Song betitelte. Kai kannte diesen Song nicht, genauso wie er Elton John nicht kannte und auch sonst wusste er nicht viel. Er wusste, dass sein Leben einsam war und dachte nicht dran. Kai wusste, dass der Alkohol ihn auf Dauer die Niere kosten würde – das hatte er mal bei Galileo gesehen- und auch daran dachte er nicht. Kai war ein guter Verdränger. In der Tat etwas, auf das er hätte sehr stolz sein können, wäre er nicht so beschäftigt mit seinem Circel Of Life gewesen.
Kai stand immer morgens um Punk 11 Uhr auf, streckte das linke und dann das entgegengesetzte Beine jeweils in die entsprechenden Richtungen aus. Kai stand dann auf. Er Frühstückte eine halbe mit Haferflocken gefüllte Schüssel. Oder besser gesagt frühstückte Kai die Haferflocken die in der Schüssel bis zur Hälfte gefüllt waren, denn die Schüssel war ihm mindestens genauso heilig wie seine Sammlung von Kriegsbriefen. Gäbe es eine Liste mit Dingen die Kai wichtig wären, dann hätte ein Tag auf einer Wiese sicherlich nicht drauf gestanden, denn das war unvereinbar mit seinem Leben.
Kai war kein Lebemann, sondern ein Mann der gelebt wurde und somit überlebte; Ein Mann mit einem grün roten Monster in ihm selbst, welches regelmäßig Feuer spuckte. Doch Kais Organismus hatte eine Art von Symbiose mit dem raffgierigen Ding gebildet und so lebten beide in ständiger Disharmonie.
Das einzige was Kai heute auf diese Wiese, mit einer Vielzahl von Blumen und Freunden und allem was dazugehört, brachte und zu alldem noch über den Horizont blicken ließ, war der zu Beginn gefasste Gedanke.

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