Dienstag, 14. September 2010

Jedem seine Freiheit


Heinz sollte nach einem langen Leben heute seinen Tod finden. Zu keiner Sekunde hatte er es an sich vorbei ziehen lassen; Immer intensiv gelebt. Ein positiver alter Mann. Seine Frau liebte ihn. Sie strich sich eine Träne weg, während sie neben seinem Krankenbett stand und ihm seine zitternde Hand hielt. Die treue Seele des Sterbenden funkelte den glasigen Augen seiner liebende Frau entgegen. Mit aller kraft versuchte er noch einmal einen tiefen Luftzug in sich aufzunehmen, dann sprach er seine letzten Worte aus:
„Du weißt alles, Linda." Seine Frau nickte ihm sachte zu. Mit dem Handrücken streichelte sie ihrem Mann über die Wangenknochen. „Wir sind eins, Linda, und wir werden eins sein... immer.“ Linda schluchzte auf. „Ja“, sagte sie nach einer angespannten Pause. „Ich weiß das... Das musst du mir nicht-“ Heinz war war nicht zu Ende mit seinen Worten. Er unterbrach sie: „Ich habe unsere Tochter vergewaltigt, Linda.“ Heinz Augen verschoben sich endgültig nach hinten. Seine nun kraftlose Hand sank auf sein weißes Bettlaken. Lindas Herz fiel mit ihr zu Grunde. Sie stand nicht mehr auf. Alles um sie herum verschwamm in eine Masse aus schwarz und grauen Farbtönen. Sie drehten sich wie Elektronen in einem immerwährenden Kreislauf und wollten nicht mehr vom anziehenden Potential des Atomkerns loskommen. In ihr wurde es sehr heiß. Nur der Krankenhausstuhl bewahrte sie vor einer Ohnmacht. Es schien, als würde das kalte grelle Krankenhauslicht, was den Raum flutete, wie ein Scheinwerfer auf sie gerichtet sein. Schweißperlen vermischten sich mit ihren Tränen. Der kontinuierliche Piepton der Gerätschaften um sie herum, hallte nur Dumpf in ihren Gedanken wieder. Die schreckliche Gewissheit in ihrem Kopf war lauter: Er hatte sie vergewaltigt...

Sie wusste nicht wie lange sie nicht mehr geredet hatte, aber als ihre ersten Worte über die Lippen kamen, war sie zusammen mit noch einer anderen Person in ihrem Wohnzimmer. Die Person machte sich grade daran den Holzscheit im Kamin für ein gemütliches Feuer zurecht zu legen. Wärme durchtränkte Lindas schwachen Körper, als würde sie nach einer langen Narkose wieder zu Bewusstsein kommen. Die grazile Dame merkte ihre Erschlafften Gliedmaßen; Die müden alten Arme; Die hängenden Tränensäcke. Die treue, die sonst immer in ihrem Gesicht lag, wurde von einem sterilem Tain überdeckt. Wie lange hatte sie wohl geweint? Ihr langes weißes Haar war ihr zu einem Zopf gebunden. Linda hasste Zöpfe. Sie fühlte sich dann immer so gefesselt, wenn ihre Haare nicht offen ihren Körper bedeckten.
In ihrem ganzen Leben war sie immer ein freiheitsliebendes Wesen gewesen. Ihr Mutter wollte sie als Kind schlagen und sie war abgehauen. In der Schule wollte sie der Lehrer schlagen und sie war weggelaufen. Auf der Arbeit musste sie 14 Stunden am Stück an der Nähmaschine und zerstochenen Fingern Kleider für den europäischen Markt nähen, bis sie verschwinden wollte. Doch sie war schwanger im sechsten Monat und machte ihren ersten Kompromiss. Sie vergaß einfach ein Stück ihrer Freiheit; Ließ es einfach über sich ergehen und schaffte so zusammen mit ihrem Mann eine sichere Grundlage für ihr erstes Kind. Das war schwer für sie. Frei sein zu können bedeutete für Linda ab diesem Moment, Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen; Sachen zu verdrängen. Trotzdem fühlte sie sich durch diesen Trick immer noch frei; Auch von Zöpfen.
„Mutter?“ Die schemenhafte Gestalt vom Kamin hatte Konturen angenommen. „Jesssika, was ist passiert?“ Die etwas rundliche Brillenträgerin hatte sich vom Kamin weg aufgerichtet und langsam neben ihre Mutter gesetzt. Auch Jessika trug zusammengebundenes Haar, doch schien es bei ihr, als würde sie es immer so tragen. Die Brille und der Hosenanzug ließen sie in diesem Ambiente irgendwie falsch erscheinen. Ihr Ausdruck war matt. Lachfalten gab es nicht. Ihre Gesichtszüge kontrolliert.
„Heinz...“, sagte Jessika endlich. Ihr Stimme zitterte kurz. Jessika schaute für einen Augenblick zu Boden und atmete kaum hörbar einmal tief durch. Dann guckte sie wieder starr wie all die anderen Tage in das Gesicht ihrer Mutter: „Er ist-“ „Ich weiß“, brach Linda den Satz ihrer Tochter ab. Auf einmal wurde der alten Dame bei den Gedanken der vergangenen Ereignisse wieder schwindelig.

„Mutter?“ Der vorher eher steife Gesichtsausdruck der Tochter zeigte erste Spuren von Mitgefühl. Doch auch dieses wenige Menschliche schien eher so, als hätte sie es irgendwann einmal lernen müssen. Keiner hätte sich sonst an diese kalte Persönlichkeit ran gewagt. Alles an Jessika schien auf irgendeine Weise künstlich. So war es in diesem Augenblick nicht verwunderlich, dass die 42 Jahre alte Geschäftsfrau aus Frankfurt nicht wusste, welchen Gesichtsausdruck sie an den Tag legen sollte, als ihre Mutter auf einmal stark anfing zu zittern. Situationen wie diese waren ihr nicht bekannt. „Alles gut, Schatz“, brachte Linda hervor und zog ein leicht gequältes Lächeln hinterher. Doch ihr Zittern wollte nicht aufhören. „Ist es wegen-?“ Linda schüttelte ihren Kopf. „Nein Kind, nein...“ Tränen rannen ihr lautlos die Wangen herunter und überdeckten die Salzspuren der versiegten Tränenflüsse. „Nein, es ist etwas anderes, Linda...“ „Ich verstehe nicht.“ Linda biss sich zuerst leicht, dann immer stärker auf ihre zitternden Lippen, bis sich zu den Tränen erste Blutflüsse bildeten. „Mutter!“ Es war das erste mal, dass Jessika eine ehrliche Emotion zulassen musste. Ihr Augen waren weit aufgerissen. Schnell lief die Tochter in die Küche um der Mutter sogleich mit einem Küchentuch das Blut von der Lippe zu wischen. Linda ließ es geschähen und fing noch während der Behandlung an über das zu reden, was ihr Herz hatte zerbrechen lassen: „Dein Vater hat mir etwas erzählt, bevor er starb.“ Lindas Handbewegungen wurden langsamer, doch sie hörte nicht auf das Blut von ihrer Mutter zu putzen. Ihre Augen waren starr auf das Papiertuch gerichtet. „Jessika...“ Das Blut was Jessika von ihrer Mutter abgewischt hatte war nun auch auf ihrem teuren Hosenanzug geträufelt. Wütend sprang sie auf und lief in die Küche. „Jessika?“ Mit immer noch verärgerten Gesichtsausdruck kam ihre Tochter zurück in das Wohnzimmer. Auf ihrer weißen Bluse hatte sie versucht mit Wasser zu retten was zu retten war. Doch das Blut schien jetzt nur noch intensiver hervorzustechen.

„Er hat dich vergewaltigt.“ Die Zeit vereiste. Alles um sie herum war still. Selbst die Standuhr neben dem Esstisch im hinteren Teil der Stube schien ihr Ticken verlernt zu haben. Bevor das Pendel an der obersten Stelle war, um wieder zurück zu anderen Seite zu Pendeln, begann Jessika abrupt ihren Blick zur Mutter zu lenken. „Ich weiß.“ Jessika war weiß im Gesicht. Lindas Mund ging leicht auf und ein schwaches „aber-“, stolperte ihr über die Lippen.
„Und du weißt es auch. Schon immer.“
Linda riss die Augen weit auf. Mit dieser Antwort hätte sie nicht gerechnet.
„Du weißt es seit ich 7 Jahre alt war. Seit er mich das erste mal in meinem Kinderzimmer oben vergewaltigt hat.“
Jessika hatte sich urplötzlich aufgerichtet.
"Du hast das Blut am nächsten morgen von meinem Fußboden aufgewischt. Du hast bei der Schule angerufen und gesagt, dass ich diesen Morgen krank sei und Ruhe bräuchte!"
Zu ihrer blassen Hautfarbe kam nun eine fast schon schreiende Stimme hinzu, die Jessika zuvor nie so benutzt hatte.
"Du hast dich all die Jahre über immer und immer wieder selbst belogen. Dass Heinz doch nicht anders könne; Dass die Familie doch zusammen halten muss!"
Fast war Jessika über sich selbst erschrocken, als sie nach ihren starken Worten zu ihrer gewohnten Kontrollposition kam:
„Jahre hast du dir unser Leben schön gelogen! Was die Jansens über uns denken, war die wichtiger als das, was-“, Jessika stockte kurz, „-dieser Mensch Tag ein Tag aus mit mir getan hatte!“
Linda schüttelte ihren Kopf. „Nein...“

In Lindas Gesicht schien es zu arbeiten. Von außen betrachtet hätte man sagen können, dass ein Bildhauer am Werke war, einen alten Gesichtsausdruck mit Hammer und Meißel aus der kalkweißen Statur abzuschaben, um einen neuen zu hinein zuprägen. Als der Bildhauer sich entschieden hatte, wie Linda nun aussehen sollte, wusste ihre Tochter schon, was als nächstes kommen würde: „Wie kannst du es wagen so über unseren Vater zu reden! Er ist doch grade erst gestorben! Was du dir da raus nimmst!“

In Sekundenbruchteilen hatte sich Lindas Körperhaltung von einer in sich gezogenen alten Dame zu einer imposanten Größe aufgerichtet, die sich wütend gegen ihre Tochter stellte. Sie schrie ihrer Tochter einer schrillen Art und Weise entgegen, dass es das ganze Wohnzimmer umfasste und selbst das Kaminfeuer hätte erlöschen lassen, hätte die Tochter es angezündet. Nachdem der Nachhall verklungen war, nickte Linda kurz. Es war ihr verständiges Nicken, welches sie aufsätze. Noch einmal senkte Jessika ihren Blick kurz zu Boden, dann setzte sie sich wieder neben ihre Mutter und hielt ihre Hand.

Mittwoch, 8. September 2010

1,99


Er tat es so, wie jeden Morgen: die Zahnpastatube bis zum Rand hin ausquätschen, Radio neben dem Waschebecken lauter drehen und dann schön kreisende Bewegungen – links und rechts – zu einem Rock'n'Roll-Everygreen aus den Siebzigern. Auf den Boden kleckerte die Zahnpasta, während er in Richtung Küche torkelte, um die Kaffeemaschine zu bedienen. Das Fenster ist weit aufgerissen – ihm wehte eine frische Brise Morgenluft um seinen dürren Körper und schlängelt sich hin zu den Fußknöcheln herab. Er schüttelte ein paar mal am Kabel, bis der Wackelkontakt nachgab und der Strom in die Maschine floss. Den Rest Zahnpasta im Mund spuckte er in die Spüle, über das dreckige Geschirr von gestern Abend. Dies war das einzige was verriet, dass dies kein gewöhnlicher Morgen wie jeder andere für ihn war. Norman aß abends nie. Er war strenger Weintrinker. Ein Weintrinker trank abends ein Glas Wein. Das war das Gesetz, von Norman. Norman belog sich selbst. Das tat er, weil er kein Geld hat.
Letzten Abend hatte er sich zu seiner Flasche Bordeaux zwei Portionen Pommes mit Mayo gekauft. Mayo hätte er nie gegessen. Er hat es für die Frau, die ihm gegenüber gesessen hatte getan. Am Küchentisch hatte er hin und wieder schüchtern zu ihr rübergeblickt. Er war sehr nervös und traute sich kaum ein Wort zu sprechen. Noch nie vorher hatte Norman neben seiner Weinflasche zwei Portionen Pommes mit Mayo und eine halbwegs attraktive Frau ihm gegenüber sitzend gehabt. Die Frau hatte die erste Weinflasche zwar schon ausgetrunken, bevor die Pommes im Backofen 5 Minuten gebraten waren, doch immerhin war sie so lange geblieben.

Die meiste Zeit hatten sich Norman und die Frau vom Kiosk an geschwiegen. Sie hatte ein paar Speckfalten und ihr Arsch hatte nicht die Größe, die Norman für eine Idealgröße hielt. Doch alles in allem war Norman recht zufrieden mit seinem Fang. Er begutachtete aufmerksam, wie sie mit ihren großen Fingern nach den Pommes griff und dabei ein wenig Speichel um die wenigen restlichen auf ihrem Teller verteilte. Ihre Augen waren wie die eines kleinen hungrigen Waschbären, auf die Nahrung gerichtet.
Der Café war an diesem besonderen Morgen köstlich. Norman setzte sich mit dem Café hin. Die Zahnbürste tat er in die leere Weinflasche. Schmunzelnd schaute er sie an. Die Weinflasche hatte ihn 1,99 gekostet und ihm so viel gegeben, wie keine andere zuvor. Hätte er diese Weinflasche nicht gekauft, hätte er sie nie kennen gelernt. Sie hatte schon gut einen weg gehabt – am Kiosk. Sie streichelte sich an ihrem Busen als Norman die Weinflasche bezahlte. Dann streichelte sie Normans Hand. Nur ganz leicht, als wäre es ein Versehen. Norman schielte schüchtern zu ihr hin. Ihre Haare waren ranzig und ungleichmäßig lang. Auf der rechten Seite ihrer Lippen ragte ein großer Pickel in die Außenwelt und schrie nach Unterdrückung. Norman ergriff die Gelegenheit und küsste die Vollbusige, nachdem er dem Kioskbesitzer die 1,99 auf den Tisch gelegt hatte. Es war ein kurzer aber guter Kuss. Ohne weitere Worte hatte sie sich ihm gefügt und war mit ihm in sein kleines Wohnungchen gefolgt. Schön war es hier. Alles ein wenig eng. Ein Stube und eine Küche. Nur die Küche war im Winter beheizt und die Kerzen boten Licht. Die Pommes waren im Kiosk teuer gewesen, doch Norman wollte sich anstrengen.

Nach den Pommes holte sie Norman einen runter und trank dabei noch mehr Wein. Das war Norman recht so. Es war die Flasche in seinem Schlafzimmer, die er hinter seinem Kopfkissen für traurige Tage, an denen er nicht mehr aus den Bett kriechen mochte, hatte. Sie trank daraus und tat alles, wie es es ihm beliebte. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass seine Trauerflasche auch für solch ein Moment gut aufgehoben war. Ungewöhnliche Situation erfordern halt ungewöhnliche Maßnahmen, dachte er sich kichernd. Hin und wieder sagte Norman, dass sie gut sei. Jaha – das gefiel ihm. Später war sie weg und Norman lag glücklich in seinem Bett. Die Hände waren links und rechts von seinem nackten Körper ausgestreckt und er hatte einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Dann schlief Norman ein und Putzte sich, wie gesagt die Zähne, als er am nächsten Tag erwachte. Kichernd überlegte Norman, was wohl passieren würde, wenn er den Menschen im Kiosk heute Abend erzählen würde, was er gestern getan hatte. Norman haute lachend mit der Faust auf den Küchentisch, was die Weinflasche mit der Zahnbürste umfallen ließ. Was solls, dachte der Norman. Für 1,99 bekomme ich schon eine neue Zahnbürste und einen guten Fick dazu. Norman kicherte erneut in sich hinein.

Sonntag, 5. September 2010

Kioskgeschichten


Ich war früher mal das Besitzer eines Kiosk und dachte auch, dass das so gut sei. Ich meine, was will man mehr? Eigener Boss: Nicht viel zu werkeln; Ab und zu die Kasse auf und zu machen und am Ende des Tages die Kohle zusammen rechnen; Basta.

Meine Frau war nicht zufrieden mit mir, doch da ich 12 Stunden Schichten schob, war mir das gleich. Meine Kinder waren ausgezogen und Henry, der über viele Jahre bei mir endgültig versackt war und sich von keinem anderen als mir seinen Sprit geben ließ, war immer noch hier. So hielt sich alles die Wage. Um mich herum waren noch ein paar andere Läden. Doch mit denen hatte ich nie viel zu tun. Einmal ging es darum, dass ich mein Werbeschild für die BILD zu weit auf den Gehweg platziert hätte. Das Caféhaus nebenan würde so einen Verlust an Kundschaft ein berechnen müssen. Ich glaub, es lag einfach an ihren saftig überteuerten Preisen, dass in diese Spelunke keiner einen Fuß treten wollte.

Mein Kiosk war mein Schutzraum. In ihm lebte ich 30 Jahre meines Lebens. Er gab mir im Winter wärme; Ich verteile zu dieser Jahreszeit einige Lichterketten um die Regalstangen rum, um die Weihnachtsstimmung hervor zu heben. Henry war das Licht immer viel zu grell. Seine Augen waren helles Licht nicht gewohnt. Sein Schutzraum konzentrierte sich neben dem eher lichtlos gehaltenen Kiosk, auf sein 1-Zimmerappartemant genau über meinem Kiosk. Seine Fenster waren immer mit zwei dicken Wolldecken verhangen. Hin und wieder nahm er sie ab, wenn er monatliche Lüftungen zuließ. Das war immer ein schwarzer Tag für mich im Monat und ich machte drei Kreuze wenn er vorbei war. Der Nordwind ließ seinen Alkoholdunst aus dem Appartement direkt in meinen Kiosk ableiten. Doch das die Tore dieses Höllenschlunds sich wieder schlossen und erst 30 Tage später ihre qualvolle Wirkung erneut entfalten würden, war genau so sicher, wie die nervigen Besuche des kleinen Tims. Inzwischen war er gar nicht mehr so klein gewesen. Doch trotzdem kam er einmal in der Woche und interessierte sich brennend für die Fußballstickerkollektion von so einem dämlichen Sportmagazin. Er zeigte mir jedes mal, was er sich bei mir kaufte und verwickelte mich in ein Gespräch. Das Grundmuster des Gesprächs war ebenfalls immer das selbe. Es fing mit dem Titelblatt an und endete hinten beim Impressum. Dazwischen gefüllt waren Analysen einzelner Spieler, Spiele und die kritisch zu begutachtende Zukunft des Profifußballs. Klar veränderten sich sein Vokabular im Laufe der Zeit, doch folgten unsere Gespräche immer noch dem selben alten Muster. Heimlich schmiedete ich den Plan, dass wenn ich den Umsatz meines Unternehmens erst einmal soweit in die Höhegetrieben hätte, dass ich auf diese Fußballhefteinnahmen verzichten könnte, es sofort tun würde. Tatsächlich wollte ich so gar so hart daran arbeiten, bis ich genug Geld zusammen bekommen hätte, um alle Fußballstickerzeitschriften aufzukaufen, damit es keine nervigen Tim in keinem Kiosk der Welt geben konnte. Ich war es gewohnt, dass er auch nach 20 Jahren immer noch einmal wöchentlich in meinen Laden reinschaute um über sein liebstes Hobby zu reden. Ich belächelte ihn milde dafür, schaffte es aber nie ohne seine 3,50 in der Woche auszukommen.

Oft gaben mir Kunden was aus. Meistens war es Henry – der war immer recht spendabel. Das mag aber vielleicht daran liegen, dass er nicht alleine trinken wollte. Vielleicht wusste er ja tief im Inneren, dass ihm Trinken nicht so gut bekam; Wollte sein schlechtes Gewissen auf die Masse verteilen. Mir sagen: Sieh hier: Ich bin ein Sklave meiner Sucht und du tust nichts dagegen; Ich kann es doch nicht! Ich bin doch der Sklave! Du musst mich befreien!

Irgendwas ist ja immer; Übrigens eine gute Formel um mit allerlei Problemen zurecht zukommen. Einmal hat der junge Tim mir erzählt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt sei und bald sterben müsste. Er fing an zu weinen und guckte mich an. Ich guckte zurück und gab ihm das Wechselgeld.

Meine Frau, der ich das zu Hause erzählt hatte, nickte es ab. Das tat sie immer. Dann berichtete sie mir über ihre beste Freundin und ihren verhurten Lebensstil. Einen nach den anderen würde das alte Flittchen vögeln; Sich sämtliche Freiheiten nehmen ihre Fotze irgendwo füllen zu lassen. Dabei guckte sie mich so an als wollte sie mir sagen, dass sie das auch könnte, wenn sie nur wollte; Soll sie doch tun. So eine gute Versorgung wie bei mir bekommt sie ja doch nicht und das wusste ich. Die würde nie abhauen. Was solls'.

Ich ging schlafen, als ich endlich alt war. Früher einmal hatte ich dieses Leben gehabt und nun schlafe ich. Ziemlich lang und ausgiebig. Doch wirklich glücklich bin ich eigentlich nicht.