Mittwoch, 8. September 2010

1,99


Er tat es so, wie jeden Morgen: die Zahnpastatube bis zum Rand hin ausquätschen, Radio neben dem Waschebecken lauter drehen und dann schön kreisende Bewegungen – links und rechts – zu einem Rock'n'Roll-Everygreen aus den Siebzigern. Auf den Boden kleckerte die Zahnpasta, während er in Richtung Küche torkelte, um die Kaffeemaschine zu bedienen. Das Fenster ist weit aufgerissen – ihm wehte eine frische Brise Morgenluft um seinen dürren Körper und schlängelt sich hin zu den Fußknöcheln herab. Er schüttelte ein paar mal am Kabel, bis der Wackelkontakt nachgab und der Strom in die Maschine floss. Den Rest Zahnpasta im Mund spuckte er in die Spüle, über das dreckige Geschirr von gestern Abend. Dies war das einzige was verriet, dass dies kein gewöhnlicher Morgen wie jeder andere für ihn war. Norman aß abends nie. Er war strenger Weintrinker. Ein Weintrinker trank abends ein Glas Wein. Das war das Gesetz, von Norman. Norman belog sich selbst. Das tat er, weil er kein Geld hat.
Letzten Abend hatte er sich zu seiner Flasche Bordeaux zwei Portionen Pommes mit Mayo gekauft. Mayo hätte er nie gegessen. Er hat es für die Frau, die ihm gegenüber gesessen hatte getan. Am Küchentisch hatte er hin und wieder schüchtern zu ihr rübergeblickt. Er war sehr nervös und traute sich kaum ein Wort zu sprechen. Noch nie vorher hatte Norman neben seiner Weinflasche zwei Portionen Pommes mit Mayo und eine halbwegs attraktive Frau ihm gegenüber sitzend gehabt. Die Frau hatte die erste Weinflasche zwar schon ausgetrunken, bevor die Pommes im Backofen 5 Minuten gebraten waren, doch immerhin war sie so lange geblieben.

Die meiste Zeit hatten sich Norman und die Frau vom Kiosk an geschwiegen. Sie hatte ein paar Speckfalten und ihr Arsch hatte nicht die Größe, die Norman für eine Idealgröße hielt. Doch alles in allem war Norman recht zufrieden mit seinem Fang. Er begutachtete aufmerksam, wie sie mit ihren großen Fingern nach den Pommes griff und dabei ein wenig Speichel um die wenigen restlichen auf ihrem Teller verteilte. Ihre Augen waren wie die eines kleinen hungrigen Waschbären, auf die Nahrung gerichtet.
Der Café war an diesem besonderen Morgen köstlich. Norman setzte sich mit dem Café hin. Die Zahnbürste tat er in die leere Weinflasche. Schmunzelnd schaute er sie an. Die Weinflasche hatte ihn 1,99 gekostet und ihm so viel gegeben, wie keine andere zuvor. Hätte er diese Weinflasche nicht gekauft, hätte er sie nie kennen gelernt. Sie hatte schon gut einen weg gehabt – am Kiosk. Sie streichelte sich an ihrem Busen als Norman die Weinflasche bezahlte. Dann streichelte sie Normans Hand. Nur ganz leicht, als wäre es ein Versehen. Norman schielte schüchtern zu ihr hin. Ihre Haare waren ranzig und ungleichmäßig lang. Auf der rechten Seite ihrer Lippen ragte ein großer Pickel in die Außenwelt und schrie nach Unterdrückung. Norman ergriff die Gelegenheit und küsste die Vollbusige, nachdem er dem Kioskbesitzer die 1,99 auf den Tisch gelegt hatte. Es war ein kurzer aber guter Kuss. Ohne weitere Worte hatte sie sich ihm gefügt und war mit ihm in sein kleines Wohnungchen gefolgt. Schön war es hier. Alles ein wenig eng. Ein Stube und eine Küche. Nur die Küche war im Winter beheizt und die Kerzen boten Licht. Die Pommes waren im Kiosk teuer gewesen, doch Norman wollte sich anstrengen.

Nach den Pommes holte sie Norman einen runter und trank dabei noch mehr Wein. Das war Norman recht so. Es war die Flasche in seinem Schlafzimmer, die er hinter seinem Kopfkissen für traurige Tage, an denen er nicht mehr aus den Bett kriechen mochte, hatte. Sie trank daraus und tat alles, wie es es ihm beliebte. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass seine Trauerflasche auch für solch ein Moment gut aufgehoben war. Ungewöhnliche Situation erfordern halt ungewöhnliche Maßnahmen, dachte er sich kichernd. Hin und wieder sagte Norman, dass sie gut sei. Jaha – das gefiel ihm. Später war sie weg und Norman lag glücklich in seinem Bett. Die Hände waren links und rechts von seinem nackten Körper ausgestreckt und er hatte einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Dann schlief Norman ein und Putzte sich, wie gesagt die Zähne, als er am nächsten Tag erwachte. Kichernd überlegte Norman, was wohl passieren würde, wenn er den Menschen im Kiosk heute Abend erzählen würde, was er gestern getan hatte. Norman haute lachend mit der Faust auf den Küchentisch, was die Weinflasche mit der Zahnbürste umfallen ließ. Was solls, dachte der Norman. Für 1,99 bekomme ich schon eine neue Zahnbürste und einen guten Fick dazu. Norman kicherte erneut in sich hinein.

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