Sonntag, 5. September 2010

Kioskgeschichten


Ich war früher mal das Besitzer eines Kiosk und dachte auch, dass das so gut sei. Ich meine, was will man mehr? Eigener Boss: Nicht viel zu werkeln; Ab und zu die Kasse auf und zu machen und am Ende des Tages die Kohle zusammen rechnen; Basta.

Meine Frau war nicht zufrieden mit mir, doch da ich 12 Stunden Schichten schob, war mir das gleich. Meine Kinder waren ausgezogen und Henry, der über viele Jahre bei mir endgültig versackt war und sich von keinem anderen als mir seinen Sprit geben ließ, war immer noch hier. So hielt sich alles die Wage. Um mich herum waren noch ein paar andere Läden. Doch mit denen hatte ich nie viel zu tun. Einmal ging es darum, dass ich mein Werbeschild für die BILD zu weit auf den Gehweg platziert hätte. Das Caféhaus nebenan würde so einen Verlust an Kundschaft ein berechnen müssen. Ich glaub, es lag einfach an ihren saftig überteuerten Preisen, dass in diese Spelunke keiner einen Fuß treten wollte.

Mein Kiosk war mein Schutzraum. In ihm lebte ich 30 Jahre meines Lebens. Er gab mir im Winter wärme; Ich verteile zu dieser Jahreszeit einige Lichterketten um die Regalstangen rum, um die Weihnachtsstimmung hervor zu heben. Henry war das Licht immer viel zu grell. Seine Augen waren helles Licht nicht gewohnt. Sein Schutzraum konzentrierte sich neben dem eher lichtlos gehaltenen Kiosk, auf sein 1-Zimmerappartemant genau über meinem Kiosk. Seine Fenster waren immer mit zwei dicken Wolldecken verhangen. Hin und wieder nahm er sie ab, wenn er monatliche Lüftungen zuließ. Das war immer ein schwarzer Tag für mich im Monat und ich machte drei Kreuze wenn er vorbei war. Der Nordwind ließ seinen Alkoholdunst aus dem Appartement direkt in meinen Kiosk ableiten. Doch das die Tore dieses Höllenschlunds sich wieder schlossen und erst 30 Tage später ihre qualvolle Wirkung erneut entfalten würden, war genau so sicher, wie die nervigen Besuche des kleinen Tims. Inzwischen war er gar nicht mehr so klein gewesen. Doch trotzdem kam er einmal in der Woche und interessierte sich brennend für die Fußballstickerkollektion von so einem dämlichen Sportmagazin. Er zeigte mir jedes mal, was er sich bei mir kaufte und verwickelte mich in ein Gespräch. Das Grundmuster des Gesprächs war ebenfalls immer das selbe. Es fing mit dem Titelblatt an und endete hinten beim Impressum. Dazwischen gefüllt waren Analysen einzelner Spieler, Spiele und die kritisch zu begutachtende Zukunft des Profifußballs. Klar veränderten sich sein Vokabular im Laufe der Zeit, doch folgten unsere Gespräche immer noch dem selben alten Muster. Heimlich schmiedete ich den Plan, dass wenn ich den Umsatz meines Unternehmens erst einmal soweit in die Höhegetrieben hätte, dass ich auf diese Fußballhefteinnahmen verzichten könnte, es sofort tun würde. Tatsächlich wollte ich so gar so hart daran arbeiten, bis ich genug Geld zusammen bekommen hätte, um alle Fußballstickerzeitschriften aufzukaufen, damit es keine nervigen Tim in keinem Kiosk der Welt geben konnte. Ich war es gewohnt, dass er auch nach 20 Jahren immer noch einmal wöchentlich in meinen Laden reinschaute um über sein liebstes Hobby zu reden. Ich belächelte ihn milde dafür, schaffte es aber nie ohne seine 3,50 in der Woche auszukommen.

Oft gaben mir Kunden was aus. Meistens war es Henry – der war immer recht spendabel. Das mag aber vielleicht daran liegen, dass er nicht alleine trinken wollte. Vielleicht wusste er ja tief im Inneren, dass ihm Trinken nicht so gut bekam; Wollte sein schlechtes Gewissen auf die Masse verteilen. Mir sagen: Sieh hier: Ich bin ein Sklave meiner Sucht und du tust nichts dagegen; Ich kann es doch nicht! Ich bin doch der Sklave! Du musst mich befreien!

Irgendwas ist ja immer; Übrigens eine gute Formel um mit allerlei Problemen zurecht zukommen. Einmal hat der junge Tim mir erzählt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt sei und bald sterben müsste. Er fing an zu weinen und guckte mich an. Ich guckte zurück und gab ihm das Wechselgeld.

Meine Frau, der ich das zu Hause erzählt hatte, nickte es ab. Das tat sie immer. Dann berichtete sie mir über ihre beste Freundin und ihren verhurten Lebensstil. Einen nach den anderen würde das alte Flittchen vögeln; Sich sämtliche Freiheiten nehmen ihre Fotze irgendwo füllen zu lassen. Dabei guckte sie mich so an als wollte sie mir sagen, dass sie das auch könnte, wenn sie nur wollte; Soll sie doch tun. So eine gute Versorgung wie bei mir bekommt sie ja doch nicht und das wusste ich. Die würde nie abhauen. Was solls'.

Ich ging schlafen, als ich endlich alt war. Früher einmal hatte ich dieses Leben gehabt und nun schlafe ich. Ziemlich lang und ausgiebig. Doch wirklich glücklich bin ich eigentlich nicht.

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