Dienstag, 7. Dezember 2010

"Ich würd dir gern so viel mehr sagen..."


"Ich würd dir gern so viel mehr sagen
als ich begreifen kann
als ich jetzt begreife
als ich jetzt weiß

Ich würd dir gern so viel mehr von mir zeigen 
als ich jetzt für mich seh 
als ich jetzt grade für mich bin und sowieso

Bin ich voll kommn in mir versunken 
und kann nicht richtig schwimm'
zu mindestens nicht zu dir hin
Ich würds ja gern tun
doch ich bin viel zu viel für das Wasser und dich 
Und für mich 

Ich würd dir gern mehr so viel mehr mehr sagen
als ich es grade kann
als ich es grade will

Ich würd dir gern so viel mehr zeigen 
und bin doch nur steril 
beliebig und schon morgen wieder ganz anders 

Ich denk ich weiß es und dann weiß ichs schon wieder nur ganz anders
Und plötzlich ist alles nicht mehr schwarz und weiß
wie noch gestern vor dem schlafen

Ich dachte ich begreif es doch es war nicht zu viel
Zu wenig um zu verstehen, was hier grade mit mir passiert
Ich würde es so gern begreifen

Für mich um es dir zu sagen
Um es uns leichter zu machen
Ich würde dir gern mehr viel mehr erzählen
Doch die Wahrheit ist
Die Wahrheit ist
Die Wahrheit ist
Ist die Wahrheit?
Ist die Wahrheit?

Iss die Wahrheit
Iss die Wahrheit 
und versuchs doch einfach mit mir 
zu begreifen

So wie ich bin
Bist du dabei?
Du bist dabei
Wir können gar nicht anders"

Dienstag, 14. September 2010

Jedem seine Freiheit


Heinz sollte nach einem langen Leben heute seinen Tod finden. Zu keiner Sekunde hatte er es an sich vorbei ziehen lassen; Immer intensiv gelebt. Ein positiver alter Mann. Seine Frau liebte ihn. Sie strich sich eine Träne weg, während sie neben seinem Krankenbett stand und ihm seine zitternde Hand hielt. Die treue Seele des Sterbenden funkelte den glasigen Augen seiner liebende Frau entgegen. Mit aller kraft versuchte er noch einmal einen tiefen Luftzug in sich aufzunehmen, dann sprach er seine letzten Worte aus:
„Du weißt alles, Linda." Seine Frau nickte ihm sachte zu. Mit dem Handrücken streichelte sie ihrem Mann über die Wangenknochen. „Wir sind eins, Linda, und wir werden eins sein... immer.“ Linda schluchzte auf. „Ja“, sagte sie nach einer angespannten Pause. „Ich weiß das... Das musst du mir nicht-“ Heinz war war nicht zu Ende mit seinen Worten. Er unterbrach sie: „Ich habe unsere Tochter vergewaltigt, Linda.“ Heinz Augen verschoben sich endgültig nach hinten. Seine nun kraftlose Hand sank auf sein weißes Bettlaken. Lindas Herz fiel mit ihr zu Grunde. Sie stand nicht mehr auf. Alles um sie herum verschwamm in eine Masse aus schwarz und grauen Farbtönen. Sie drehten sich wie Elektronen in einem immerwährenden Kreislauf und wollten nicht mehr vom anziehenden Potential des Atomkerns loskommen. In ihr wurde es sehr heiß. Nur der Krankenhausstuhl bewahrte sie vor einer Ohnmacht. Es schien, als würde das kalte grelle Krankenhauslicht, was den Raum flutete, wie ein Scheinwerfer auf sie gerichtet sein. Schweißperlen vermischten sich mit ihren Tränen. Der kontinuierliche Piepton der Gerätschaften um sie herum, hallte nur Dumpf in ihren Gedanken wieder. Die schreckliche Gewissheit in ihrem Kopf war lauter: Er hatte sie vergewaltigt...

Sie wusste nicht wie lange sie nicht mehr geredet hatte, aber als ihre ersten Worte über die Lippen kamen, war sie zusammen mit noch einer anderen Person in ihrem Wohnzimmer. Die Person machte sich grade daran den Holzscheit im Kamin für ein gemütliches Feuer zurecht zu legen. Wärme durchtränkte Lindas schwachen Körper, als würde sie nach einer langen Narkose wieder zu Bewusstsein kommen. Die grazile Dame merkte ihre Erschlafften Gliedmaßen; Die müden alten Arme; Die hängenden Tränensäcke. Die treue, die sonst immer in ihrem Gesicht lag, wurde von einem sterilem Tain überdeckt. Wie lange hatte sie wohl geweint? Ihr langes weißes Haar war ihr zu einem Zopf gebunden. Linda hasste Zöpfe. Sie fühlte sich dann immer so gefesselt, wenn ihre Haare nicht offen ihren Körper bedeckten.
In ihrem ganzen Leben war sie immer ein freiheitsliebendes Wesen gewesen. Ihr Mutter wollte sie als Kind schlagen und sie war abgehauen. In der Schule wollte sie der Lehrer schlagen und sie war weggelaufen. Auf der Arbeit musste sie 14 Stunden am Stück an der Nähmaschine und zerstochenen Fingern Kleider für den europäischen Markt nähen, bis sie verschwinden wollte. Doch sie war schwanger im sechsten Monat und machte ihren ersten Kompromiss. Sie vergaß einfach ein Stück ihrer Freiheit; Ließ es einfach über sich ergehen und schaffte so zusammen mit ihrem Mann eine sichere Grundlage für ihr erstes Kind. Das war schwer für sie. Frei sein zu können bedeutete für Linda ab diesem Moment, Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen; Sachen zu verdrängen. Trotzdem fühlte sie sich durch diesen Trick immer noch frei; Auch von Zöpfen.
„Mutter?“ Die schemenhafte Gestalt vom Kamin hatte Konturen angenommen. „Jesssika, was ist passiert?“ Die etwas rundliche Brillenträgerin hatte sich vom Kamin weg aufgerichtet und langsam neben ihre Mutter gesetzt. Auch Jessika trug zusammengebundenes Haar, doch schien es bei ihr, als würde sie es immer so tragen. Die Brille und der Hosenanzug ließen sie in diesem Ambiente irgendwie falsch erscheinen. Ihr Ausdruck war matt. Lachfalten gab es nicht. Ihre Gesichtszüge kontrolliert.
„Heinz...“, sagte Jessika endlich. Ihr Stimme zitterte kurz. Jessika schaute für einen Augenblick zu Boden und atmete kaum hörbar einmal tief durch. Dann guckte sie wieder starr wie all die anderen Tage in das Gesicht ihrer Mutter: „Er ist-“ „Ich weiß“, brach Linda den Satz ihrer Tochter ab. Auf einmal wurde der alten Dame bei den Gedanken der vergangenen Ereignisse wieder schwindelig.

„Mutter?“ Der vorher eher steife Gesichtsausdruck der Tochter zeigte erste Spuren von Mitgefühl. Doch auch dieses wenige Menschliche schien eher so, als hätte sie es irgendwann einmal lernen müssen. Keiner hätte sich sonst an diese kalte Persönlichkeit ran gewagt. Alles an Jessika schien auf irgendeine Weise künstlich. So war es in diesem Augenblick nicht verwunderlich, dass die 42 Jahre alte Geschäftsfrau aus Frankfurt nicht wusste, welchen Gesichtsausdruck sie an den Tag legen sollte, als ihre Mutter auf einmal stark anfing zu zittern. Situationen wie diese waren ihr nicht bekannt. „Alles gut, Schatz“, brachte Linda hervor und zog ein leicht gequältes Lächeln hinterher. Doch ihr Zittern wollte nicht aufhören. „Ist es wegen-?“ Linda schüttelte ihren Kopf. „Nein Kind, nein...“ Tränen rannen ihr lautlos die Wangen herunter und überdeckten die Salzspuren der versiegten Tränenflüsse. „Nein, es ist etwas anderes, Linda...“ „Ich verstehe nicht.“ Linda biss sich zuerst leicht, dann immer stärker auf ihre zitternden Lippen, bis sich zu den Tränen erste Blutflüsse bildeten. „Mutter!“ Es war das erste mal, dass Jessika eine ehrliche Emotion zulassen musste. Ihr Augen waren weit aufgerissen. Schnell lief die Tochter in die Küche um der Mutter sogleich mit einem Küchentuch das Blut von der Lippe zu wischen. Linda ließ es geschähen und fing noch während der Behandlung an über das zu reden, was ihr Herz hatte zerbrechen lassen: „Dein Vater hat mir etwas erzählt, bevor er starb.“ Lindas Handbewegungen wurden langsamer, doch sie hörte nicht auf das Blut von ihrer Mutter zu putzen. Ihre Augen waren starr auf das Papiertuch gerichtet. „Jessika...“ Das Blut was Jessika von ihrer Mutter abgewischt hatte war nun auch auf ihrem teuren Hosenanzug geträufelt. Wütend sprang sie auf und lief in die Küche. „Jessika?“ Mit immer noch verärgerten Gesichtsausdruck kam ihre Tochter zurück in das Wohnzimmer. Auf ihrer weißen Bluse hatte sie versucht mit Wasser zu retten was zu retten war. Doch das Blut schien jetzt nur noch intensiver hervorzustechen.

„Er hat dich vergewaltigt.“ Die Zeit vereiste. Alles um sie herum war still. Selbst die Standuhr neben dem Esstisch im hinteren Teil der Stube schien ihr Ticken verlernt zu haben. Bevor das Pendel an der obersten Stelle war, um wieder zurück zu anderen Seite zu Pendeln, begann Jessika abrupt ihren Blick zur Mutter zu lenken. „Ich weiß.“ Jessika war weiß im Gesicht. Lindas Mund ging leicht auf und ein schwaches „aber-“, stolperte ihr über die Lippen.
„Und du weißt es auch. Schon immer.“
Linda riss die Augen weit auf. Mit dieser Antwort hätte sie nicht gerechnet.
„Du weißt es seit ich 7 Jahre alt war. Seit er mich das erste mal in meinem Kinderzimmer oben vergewaltigt hat.“
Jessika hatte sich urplötzlich aufgerichtet.
"Du hast das Blut am nächsten morgen von meinem Fußboden aufgewischt. Du hast bei der Schule angerufen und gesagt, dass ich diesen Morgen krank sei und Ruhe bräuchte!"
Zu ihrer blassen Hautfarbe kam nun eine fast schon schreiende Stimme hinzu, die Jessika zuvor nie so benutzt hatte.
"Du hast dich all die Jahre über immer und immer wieder selbst belogen. Dass Heinz doch nicht anders könne; Dass die Familie doch zusammen halten muss!"
Fast war Jessika über sich selbst erschrocken, als sie nach ihren starken Worten zu ihrer gewohnten Kontrollposition kam:
„Jahre hast du dir unser Leben schön gelogen! Was die Jansens über uns denken, war die wichtiger als das, was-“, Jessika stockte kurz, „-dieser Mensch Tag ein Tag aus mit mir getan hatte!“
Linda schüttelte ihren Kopf. „Nein...“

In Lindas Gesicht schien es zu arbeiten. Von außen betrachtet hätte man sagen können, dass ein Bildhauer am Werke war, einen alten Gesichtsausdruck mit Hammer und Meißel aus der kalkweißen Statur abzuschaben, um einen neuen zu hinein zuprägen. Als der Bildhauer sich entschieden hatte, wie Linda nun aussehen sollte, wusste ihre Tochter schon, was als nächstes kommen würde: „Wie kannst du es wagen so über unseren Vater zu reden! Er ist doch grade erst gestorben! Was du dir da raus nimmst!“

In Sekundenbruchteilen hatte sich Lindas Körperhaltung von einer in sich gezogenen alten Dame zu einer imposanten Größe aufgerichtet, die sich wütend gegen ihre Tochter stellte. Sie schrie ihrer Tochter einer schrillen Art und Weise entgegen, dass es das ganze Wohnzimmer umfasste und selbst das Kaminfeuer hätte erlöschen lassen, hätte die Tochter es angezündet. Nachdem der Nachhall verklungen war, nickte Linda kurz. Es war ihr verständiges Nicken, welches sie aufsätze. Noch einmal senkte Jessika ihren Blick kurz zu Boden, dann setzte sie sich wieder neben ihre Mutter und hielt ihre Hand.

Mittwoch, 8. September 2010

1,99


Er tat es so, wie jeden Morgen: die Zahnpastatube bis zum Rand hin ausquätschen, Radio neben dem Waschebecken lauter drehen und dann schön kreisende Bewegungen – links und rechts – zu einem Rock'n'Roll-Everygreen aus den Siebzigern. Auf den Boden kleckerte die Zahnpasta, während er in Richtung Küche torkelte, um die Kaffeemaschine zu bedienen. Das Fenster ist weit aufgerissen – ihm wehte eine frische Brise Morgenluft um seinen dürren Körper und schlängelt sich hin zu den Fußknöcheln herab. Er schüttelte ein paar mal am Kabel, bis der Wackelkontakt nachgab und der Strom in die Maschine floss. Den Rest Zahnpasta im Mund spuckte er in die Spüle, über das dreckige Geschirr von gestern Abend. Dies war das einzige was verriet, dass dies kein gewöhnlicher Morgen wie jeder andere für ihn war. Norman aß abends nie. Er war strenger Weintrinker. Ein Weintrinker trank abends ein Glas Wein. Das war das Gesetz, von Norman. Norman belog sich selbst. Das tat er, weil er kein Geld hat.
Letzten Abend hatte er sich zu seiner Flasche Bordeaux zwei Portionen Pommes mit Mayo gekauft. Mayo hätte er nie gegessen. Er hat es für die Frau, die ihm gegenüber gesessen hatte getan. Am Küchentisch hatte er hin und wieder schüchtern zu ihr rübergeblickt. Er war sehr nervös und traute sich kaum ein Wort zu sprechen. Noch nie vorher hatte Norman neben seiner Weinflasche zwei Portionen Pommes mit Mayo und eine halbwegs attraktive Frau ihm gegenüber sitzend gehabt. Die Frau hatte die erste Weinflasche zwar schon ausgetrunken, bevor die Pommes im Backofen 5 Minuten gebraten waren, doch immerhin war sie so lange geblieben.

Die meiste Zeit hatten sich Norman und die Frau vom Kiosk an geschwiegen. Sie hatte ein paar Speckfalten und ihr Arsch hatte nicht die Größe, die Norman für eine Idealgröße hielt. Doch alles in allem war Norman recht zufrieden mit seinem Fang. Er begutachtete aufmerksam, wie sie mit ihren großen Fingern nach den Pommes griff und dabei ein wenig Speichel um die wenigen restlichen auf ihrem Teller verteilte. Ihre Augen waren wie die eines kleinen hungrigen Waschbären, auf die Nahrung gerichtet.
Der Café war an diesem besonderen Morgen köstlich. Norman setzte sich mit dem Café hin. Die Zahnbürste tat er in die leere Weinflasche. Schmunzelnd schaute er sie an. Die Weinflasche hatte ihn 1,99 gekostet und ihm so viel gegeben, wie keine andere zuvor. Hätte er diese Weinflasche nicht gekauft, hätte er sie nie kennen gelernt. Sie hatte schon gut einen weg gehabt – am Kiosk. Sie streichelte sich an ihrem Busen als Norman die Weinflasche bezahlte. Dann streichelte sie Normans Hand. Nur ganz leicht, als wäre es ein Versehen. Norman schielte schüchtern zu ihr hin. Ihre Haare waren ranzig und ungleichmäßig lang. Auf der rechten Seite ihrer Lippen ragte ein großer Pickel in die Außenwelt und schrie nach Unterdrückung. Norman ergriff die Gelegenheit und küsste die Vollbusige, nachdem er dem Kioskbesitzer die 1,99 auf den Tisch gelegt hatte. Es war ein kurzer aber guter Kuss. Ohne weitere Worte hatte sie sich ihm gefügt und war mit ihm in sein kleines Wohnungchen gefolgt. Schön war es hier. Alles ein wenig eng. Ein Stube und eine Küche. Nur die Küche war im Winter beheizt und die Kerzen boten Licht. Die Pommes waren im Kiosk teuer gewesen, doch Norman wollte sich anstrengen.

Nach den Pommes holte sie Norman einen runter und trank dabei noch mehr Wein. Das war Norman recht so. Es war die Flasche in seinem Schlafzimmer, die er hinter seinem Kopfkissen für traurige Tage, an denen er nicht mehr aus den Bett kriechen mochte, hatte. Sie trank daraus und tat alles, wie es es ihm beliebte. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass seine Trauerflasche auch für solch ein Moment gut aufgehoben war. Ungewöhnliche Situation erfordern halt ungewöhnliche Maßnahmen, dachte er sich kichernd. Hin und wieder sagte Norman, dass sie gut sei. Jaha – das gefiel ihm. Später war sie weg und Norman lag glücklich in seinem Bett. Die Hände waren links und rechts von seinem nackten Körper ausgestreckt und er hatte einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Dann schlief Norman ein und Putzte sich, wie gesagt die Zähne, als er am nächsten Tag erwachte. Kichernd überlegte Norman, was wohl passieren würde, wenn er den Menschen im Kiosk heute Abend erzählen würde, was er gestern getan hatte. Norman haute lachend mit der Faust auf den Küchentisch, was die Weinflasche mit der Zahnbürste umfallen ließ. Was solls, dachte der Norman. Für 1,99 bekomme ich schon eine neue Zahnbürste und einen guten Fick dazu. Norman kicherte erneut in sich hinein.

Sonntag, 5. September 2010

Kioskgeschichten


Ich war früher mal das Besitzer eines Kiosk und dachte auch, dass das so gut sei. Ich meine, was will man mehr? Eigener Boss: Nicht viel zu werkeln; Ab und zu die Kasse auf und zu machen und am Ende des Tages die Kohle zusammen rechnen; Basta.

Meine Frau war nicht zufrieden mit mir, doch da ich 12 Stunden Schichten schob, war mir das gleich. Meine Kinder waren ausgezogen und Henry, der über viele Jahre bei mir endgültig versackt war und sich von keinem anderen als mir seinen Sprit geben ließ, war immer noch hier. So hielt sich alles die Wage. Um mich herum waren noch ein paar andere Läden. Doch mit denen hatte ich nie viel zu tun. Einmal ging es darum, dass ich mein Werbeschild für die BILD zu weit auf den Gehweg platziert hätte. Das Caféhaus nebenan würde so einen Verlust an Kundschaft ein berechnen müssen. Ich glaub, es lag einfach an ihren saftig überteuerten Preisen, dass in diese Spelunke keiner einen Fuß treten wollte.

Mein Kiosk war mein Schutzraum. In ihm lebte ich 30 Jahre meines Lebens. Er gab mir im Winter wärme; Ich verteile zu dieser Jahreszeit einige Lichterketten um die Regalstangen rum, um die Weihnachtsstimmung hervor zu heben. Henry war das Licht immer viel zu grell. Seine Augen waren helles Licht nicht gewohnt. Sein Schutzraum konzentrierte sich neben dem eher lichtlos gehaltenen Kiosk, auf sein 1-Zimmerappartemant genau über meinem Kiosk. Seine Fenster waren immer mit zwei dicken Wolldecken verhangen. Hin und wieder nahm er sie ab, wenn er monatliche Lüftungen zuließ. Das war immer ein schwarzer Tag für mich im Monat und ich machte drei Kreuze wenn er vorbei war. Der Nordwind ließ seinen Alkoholdunst aus dem Appartement direkt in meinen Kiosk ableiten. Doch das die Tore dieses Höllenschlunds sich wieder schlossen und erst 30 Tage später ihre qualvolle Wirkung erneut entfalten würden, war genau so sicher, wie die nervigen Besuche des kleinen Tims. Inzwischen war er gar nicht mehr so klein gewesen. Doch trotzdem kam er einmal in der Woche und interessierte sich brennend für die Fußballstickerkollektion von so einem dämlichen Sportmagazin. Er zeigte mir jedes mal, was er sich bei mir kaufte und verwickelte mich in ein Gespräch. Das Grundmuster des Gesprächs war ebenfalls immer das selbe. Es fing mit dem Titelblatt an und endete hinten beim Impressum. Dazwischen gefüllt waren Analysen einzelner Spieler, Spiele und die kritisch zu begutachtende Zukunft des Profifußballs. Klar veränderten sich sein Vokabular im Laufe der Zeit, doch folgten unsere Gespräche immer noch dem selben alten Muster. Heimlich schmiedete ich den Plan, dass wenn ich den Umsatz meines Unternehmens erst einmal soweit in die Höhegetrieben hätte, dass ich auf diese Fußballhefteinnahmen verzichten könnte, es sofort tun würde. Tatsächlich wollte ich so gar so hart daran arbeiten, bis ich genug Geld zusammen bekommen hätte, um alle Fußballstickerzeitschriften aufzukaufen, damit es keine nervigen Tim in keinem Kiosk der Welt geben konnte. Ich war es gewohnt, dass er auch nach 20 Jahren immer noch einmal wöchentlich in meinen Laden reinschaute um über sein liebstes Hobby zu reden. Ich belächelte ihn milde dafür, schaffte es aber nie ohne seine 3,50 in der Woche auszukommen.

Oft gaben mir Kunden was aus. Meistens war es Henry – der war immer recht spendabel. Das mag aber vielleicht daran liegen, dass er nicht alleine trinken wollte. Vielleicht wusste er ja tief im Inneren, dass ihm Trinken nicht so gut bekam; Wollte sein schlechtes Gewissen auf die Masse verteilen. Mir sagen: Sieh hier: Ich bin ein Sklave meiner Sucht und du tust nichts dagegen; Ich kann es doch nicht! Ich bin doch der Sklave! Du musst mich befreien!

Irgendwas ist ja immer; Übrigens eine gute Formel um mit allerlei Problemen zurecht zukommen. Einmal hat der junge Tim mir erzählt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt sei und bald sterben müsste. Er fing an zu weinen und guckte mich an. Ich guckte zurück und gab ihm das Wechselgeld.

Meine Frau, der ich das zu Hause erzählt hatte, nickte es ab. Das tat sie immer. Dann berichtete sie mir über ihre beste Freundin und ihren verhurten Lebensstil. Einen nach den anderen würde das alte Flittchen vögeln; Sich sämtliche Freiheiten nehmen ihre Fotze irgendwo füllen zu lassen. Dabei guckte sie mich so an als wollte sie mir sagen, dass sie das auch könnte, wenn sie nur wollte; Soll sie doch tun. So eine gute Versorgung wie bei mir bekommt sie ja doch nicht und das wusste ich. Die würde nie abhauen. Was solls'.

Ich ging schlafen, als ich endlich alt war. Früher einmal hatte ich dieses Leben gehabt und nun schlafe ich. Ziemlich lang und ausgiebig. Doch wirklich glücklich bin ich eigentlich nicht.

Dienstag, 22. Juni 2010

Es war einmal ... Der Lohn


Die alleinerziehende Feuerdrachin Fuchor lebte das Leben eines arbeitenden Wesens. Am Tage war Fuchor auf der Suche nach Nahrung und abends kam sie mit den erbeuteten Rittern, die sie sich bei gefahrvollen Duellen zu Eigen machte, in ihr Nest zurück.
Wie ein Ei mit einer etwas zu hart geratenen Schale musst der riesige Drache die Ritterbeute erst aus seiner Rüstung pellen und dann den widerspenstigen Ritterkörper in mundgerechte Stücke für ihre Kinderdrachen zerhacken. Niemand schätze die Arbeit die Fuchor für sich und ihre beiden Drachenkinder Sauron und Lisa auf sich nahm, doch das war ihr auch nicht wichtig.
Eines Tages entschlossen sich die Ritter in den Ritterburgen neben ihrem König an der Tafelrunde für immer niederzulassen und die Drachenkämpfe nicht fortzuführen; Jener wäre nicht mehr rentabel genug. Statt auf ruhmreichen Zügen ihrem Königreich materiellen Reichtum zu erbeuten, begnügten sie sich nun in neuen Gewändern den Bauern auf seinen Feldern das Leben schwer zumachen. Der Königshof, der nun um sein doppeltes an Magen und anderen Bedürfnissen angewachsen war, verlangte nach Sättigung. Da sich der König und sein göttlich begnadigtes Anhängsel nicht zu Feldarbeit ermuntern ließ, arbeitete der Bauer folglich doppelt so viel, um auch noch den letzten Ritter die Freuden des Genusses zu ermöglichen. Dieses System versprach einen merklich kleineren Arbeitsaufwand im vergleich zum mühevollen Drachen jagen und einen viel größeren Ertrag.
Als die Feuerdrachin sich die Umstände aus luftigen Höhen erstaunt anguckte, war sie besorgt um ihre nun mit anderen Dingen beschäftige Nahrunsquelle. Auch der Bauer hatte schon von jeher nie eine Alternative zum gut genährten Rittervolk dargestellt. Viel zu dürr wäre ein solcher Bauer doch für Fuchor und ihre zwei hungrigen Kindern gewesen. Die harte Feldarbeit brachte den arbeitenden Bauern kein Gramm mehr Fett auf die Rippen – im Gegenteil! So verschonte Fuchor die Bauern aus Mitleid und starb selbst.
Als eine Hexe aus dem nahe gelegenen Wald bei der Suche nach dem Heiligen Grahl auf das nun ungeschützte Drachennest von Sauron und Lisa stieß, ergriff sie die Gelegenheit beim Schopf und krallte sich die Wesen unter ihren linken und rechten arm. Die Hexe war sehr aufgeregt und hechtete so schnell sie ihre alten Knochen trugen in ihre Hexenhütte tief tief tief im Wald zurück, wo sie die Tür hinter sich zu schlug und mit einem wirkungsvollen Bann vor unerwünschten Eindringlingen schütze. Die Drachenkinder weinten schrecklich nach ihrer Mutter und wollten und wollten nicht aufhören die Hütte in Brand zu stecken. Die Hexe beschloss ihre Errungenschaften groß zu ziehen, denn nie hatte sie eigene Kinder gehabt. Die Drachenkinder waren noch jung und gewöhnten sich schnell an die neuen Bedingungen anzupassen. Die Hexe brachte ihnen bei, sich von Bäumen und Wiesen zu ernähren und so taten sie es. Bald waren sie ausgebildete Hexe und Zauberer und zudem so groß, dass sie keinen Platz mehr in der engen Hütte fanden. Die Hexe war lieb zu ihnen gewesen und als die Kinder keine Kinder mehr waren, dankten sie es ihr und flogen davon.
Die Hexe lehnte sich in ihrem großen Ohrensessel vor ihrem Kaminfeuer zurück und genoss sich selbst. Doch plötzlich störten sie von draußen laute Geräusche. Das wäre recht ungewöhnlich für diesen Ort - Menschen. Sie blickte verwundert nach draußen und erschrak: Da wo die Weggeflogenen den Wald verzerrt hatten, siedelten sich nun zum Ärger der Hexe die einstige Ritterschaft an. Große Häuser in den Menschen Tag und Nacht Stoffe webten, an großen Werkzeugen, die sie nicht durch Magie erklären ließen. Sie waren ihr unheimlich. Das war dem obersten der Herrschaft jedoch egal, als er der Hexe den Beschluss des Königs vor trug: Das Hexenhäusen müsse leider der Erweiterung des Manufakturgebäudes AII und des damit benötigten Baugrunds Platz gebieten; Und es geschah.
Die Hexe hatte keine Kraft mehr um sie mich Magie wehren denn sie war alt und hatte all ihre Liebe und somit übersinnliche Kraft in die ihrer Kinder gegeben.
So blieb ihr nichts anderes übrig als ebenfalls in der Manufaktur Seidenfäden mit ihren letzten körperlichen Kräften zu ordnen, um sich mit dem Lohn ein kleines Leben am Rande der Stadt zu ermühen.
Eines anderen Tages schrieb sie einen Brief an ihre Kinder und bat sie um Beistand. Ihre Augen wären so schlecht geworden, dass sie die Stoffe nicht mehr in ihren Farben unterscheiden könne und so würde ihr der Arbeitskraftverlust vom Lohnherren abgezogen werden. Doch die Kinder waren selbst nicht in der Lage ihrer Mutter zu helfen. Der Wald, den sie anstatt der Ritter verspeisten, wie es ihnen beigebracht wurde, ging schon alsbald sie die Hexe verlassen hatten auch andern Orts zur Neige und so waren auch sie gezwungen gewesen in einer anderen Manufaktur zu arbeiten; Die Kohleöfen zu heißen um so die Stromerzeugung anzutreiben. Das hatte die Produktivität dieser Manufaktur um das fast dreifache gesteigert und verschaffte dem ritterlichen Besitzer einen enormen Vorsprung im Vergleich zu seiner Konkurrenz. Den Lohn konnten die beiden Drachen einlösen, um wenige der bei der Arbeit verstorbenen und eher ungenießbaren Kollegen zu verspeisen – das hatte der König ihnen geboten und sie mussten es annehmen. Jedoch reichte ihr Geld nicht um die arme Stiefmutter, die sich so lieb um sie gekümmert hatte, in Pflege zu nehmen. Auch ihre Magie war nicht stark genug um ihr zu helfen, denn die Arbeit hatte auch noch den letzten Funken dieser Fähigkeit aus ihnen gesogen. Für die alte Frau kam alles so gar noch viel schlimmer:
Dadurch, dass die Manufaktur der Drachenkinder so viel schneller mehr Stoffe herstellen konnten, konnten diese ihre Preise auf dem Markt deutlich im Vergleich zu der Manufaktur der Hexe senken. So kam es, dass die Hexe gezwungen wurde noch schneller zu arbeiten, damit auch in ihrer Manufaktur mehr Stoffe produziert würden und der Preis dem gegenüber der Konkurrenz anzupassen. Sauron und Lisa wollte dem Manufakturbetrieb der Stiefmutter beitreten, was dem Besitzer auch sicherlich gefallen hätte, doch der Arbeitgeber der Drachenkinder ließ eine Kündigung nur unter Todesstrafe zu. So starb die Alte qualvoll, weil dies so harte Arbeit ihre letzten Lebenskräfte raubte und die Drachenkinder hatten bei ihrer nächsten Lohnzahlung keine andere Möglichkeit um ihres eigenen Überlebens wegen, als den Leichnam ihrer Mutter mit tränenden Augen zu verspeisen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute... eher recht als schlecht...

Mittwoch, 16. Juni 2010

Am Anfang war das Wort


Kai setzte sich eines Tages zu seinen anderen Freunden auf die Wiese und überlegte wie es wohl wäre eine von denen ihn umgebenden Blumen zu sein. Wohl bemerkt sei, dass Kai eigentlich gar nicht der Typ war, der sich solche Fragen stellte. Kai war im Gegensatz zu dem Rest der Außenwelt eigentlich ein eher still lebender Mensch, der noch nicht mal wirkliche Freunde hatte. Der einzige Freund, der ihm wirklich immer treust ergeben war, hieß Matt und jener brach sich das Genick als er mit einem Satz vom Barhocker zurück schwankte. Die Erdanziehungskraft erledigte für ihn den Rest genau wie für Kai, denn der blieb mit seinem Hocker erstarrt neben der Leiche sitzen und nahm noch nicht mal dankend das nächste Bier entgegen, was der Gastwirt ihm gleichgültig hinstellte.
Kai war ganz und gar nicht der Typ für Wiesen. Um ehrlich zu sein verabscheute er diese so gar. Als Kind war er allergisch gegen alles und jeden gewesen. Kai roch viel lieber an seinen alten antiquarischen Briefen aus dem zweiten Weltkrieg, denen des ersten Weltkrieges und noch viele andere Kriegsbriefe, deren Sprache er noch nicht einmal beherrschte. Er war ein leidenschaftlicher Briefsammler und sehr stolz auf die nun schon über 12.000 Zeitzeugen, die ihn Kreisförmig in seinem Wohnzimmer listig sortiert umzingelten. Insgeheim wünschte er sich auch einmal einer von diesen Kriegsbriefen im Regal eines werten Herren von Welt zu sein. Nur war kein Krieg und es gab für ihn nicht die Notwendigkeit einen Kriegsbrief zu schreiben. So wartete Kai nun schon viele Jahre geduldig auf seine Zeit.
Ab und zu erwarb er dieses und jenes Briefbündel bei Auktionen, wenn wieder einmal ein Mensch den weltlichen Horizont verließ und zu dem wurde, was ihn geschaffen hatte. Der Circel Of Live wie Eltono John es einst in einem treffenden Song betitelte. Kai kannte diesen Song nicht, genauso wie er Elton John nicht kannte und auch sonst wusste er nicht viel. Er wusste, dass sein Leben einsam war und dachte nicht dran. Kai wusste, dass der Alkohol ihn auf Dauer die Niere kosten würde – das hatte er mal bei Galileo gesehen- und auch daran dachte er nicht. Kai war ein guter Verdränger. In der Tat etwas, auf das er hätte sehr stolz sein können, wäre er nicht so beschäftigt mit seinem Circel Of Life gewesen.
Kai stand immer morgens um Punk 11 Uhr auf, streckte das linke und dann das entgegengesetzte Beine jeweils in die entsprechenden Richtungen aus. Kai stand dann auf. Er Frühstückte eine halbe mit Haferflocken gefüllte Schüssel. Oder besser gesagt frühstückte Kai die Haferflocken die in der Schüssel bis zur Hälfte gefüllt waren, denn die Schüssel war ihm mindestens genauso heilig wie seine Sammlung von Kriegsbriefen. Gäbe es eine Liste mit Dingen die Kai wichtig wären, dann hätte ein Tag auf einer Wiese sicherlich nicht drauf gestanden, denn das war unvereinbar mit seinem Leben.
Kai war kein Lebemann, sondern ein Mann der gelebt wurde und somit überlebte; Ein Mann mit einem grün roten Monster in ihm selbst, welches regelmäßig Feuer spuckte. Doch Kais Organismus hatte eine Art von Symbiose mit dem raffgierigen Ding gebildet und so lebten beide in ständiger Disharmonie.
Das einzige was Kai heute auf diese Wiese, mit einer Vielzahl von Blumen und Freunden und allem was dazugehört, brachte und zu alldem noch über den Horizont blicken ließ, war der zu Beginn gefasste Gedanke.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Autobahnepik: Wenn der Kopf rollen muss


Nichts ließ den Fahrer des LKWs an diesem Morgen darauf schließen, welche Tageszeit geschweige denn welcher Tag ihm nun vorherrschte. Wie seine sich ewig rotierenden Reifen, ließ er sich über den Asphalt deutscher, tschechischer und polnischer Straßen schleifen. Seine Augen ließen nur noch wenig Licht durch; Sein Herz schlug erst schnell, wenn er Café trank. Hin und wieder legte er die Hand von seinem Lenkrad in die Hose, um sich freudige Momente zu schaffen, denn was anderes blieb ihm in diesem quadratisch-stählernen Kasten nicht. An ihm vorbeisausend die heiße Luft des Tages, begleitet von einem kühlenden Regen zur Mittagszeit, welcher zur Nacht hin peitschend wurde und die vereinzelten Bäume am Straßenrand schwanken ließ. Er spürte all diese Dinge nicht und interessiert war er auch nicht. Das Radio lief seit Jahren auf dem selben Sender und er hätte jedes Lied mitsingen können, hätte er dies gewollt. Doch ihm war nicht mehr danach.

Er war auch froh, wenn er sich nach 12 Stunden in seinen LKW zum Schlafen hinlegen konnte. Das nahm ihm die Sicht von der Straße, wenn er dann die Augen schließen konnte. Nicht, dass dies was an seinem eigentlichen Bild geändert hätte, denn nach all den Jahren nahm er das was sich vor ihm abspielte genau so wenig wahr, wie in der Welt seiner Träume, die er ebenfalls Teilnahme- wie Erinnerungslos verließ, wenn er mit einem Grummeln am nächsten Morgen in seinem LKW die Augen wieder aufschlug.
Doch in der Nacht, in der er so sehr für sich wusste, dass sich permanent nichts anderes, als eine Erholungsphase zu seinen Gunsten abspielte, kam noch das in ihm hoch, was er zu Tage nicht mehr zu denken vermochte:

Er flog durch nach Honig duftenden Blumenmeeren, die sanft seine raue Haut streichelten; Und immer schneller flog er nahe am grün und er schaute nach rechts; Und er schaute schnell nach links und er sah ein Rehkitz, was gerade gelernt hatte zu laufen und er freute sich, dass das Reh nicht alleine war und es auch noch andere außer ihn geben könnnte, die sich an Rehkitzen erfreuen würden; Und er versank in eine Gedankenspirale, die ihn von den Blumen hinunter in den tiefsten Ozean eintauchen ließ; Salz stieg durch seine Poren bis in die letzte Nische seines Körpers. Oben sah er noch die Sauerstoffbläschen an die Oberfläche steigen und unter ihm einen Schwarm mit Clownfischen, die mit ihren winzigen Flossen alle im gleichen Takt des Meeresrauschen wie durch eine Blutarterie beieinander gehalten ihre Bahnen zogen. Und er machte sich Gedanken, ob es Fische sind, die eines Tages an Land kommen werden und eine neue Zivilisation gründen werden, nachdem der Mensch die seinige zerstört hatte. Oder war das Leben unter Wasser vielleicht das bessere? Und er fragte sich, ob die Fische es besser machen würden und drückte ihnen beim Vorbeischwimmen freudestrahlend die Daumen, bevor er sich Stunden später wieder mit halb eingesunkenen Augen an seinem Steuer wiederfand; Alleine. Er fragte sich kurz, wie er hier hingekommen war; Dann rollten die Reifen weiter. Ein schleißendes Geräusch machte sich in seinem Kopf breit.

Montag, 3. Mai 2010

Nächste Quest: Straßenbahnfahrt


Die Sonne knallt auf meine Haut und lässt mich auf der Straße wie triefende Windbeutel aussehen. Meine schwarze Lederkluft umhüllt meinen dürren Körper. Der Hut lässt wenig Augenkontakt mit den an mir vorbei gleitenden zu. Ich werde beachtet und die Menschen weichen mir aus, das kann ich fühlen und das ist gut.
Ich denke an den letzten Abend und merke, dass ich die Quest nicht fertig habe. Teamspeak lenkt ab, ist aber ein notwendiges Übel. Ohne diesen Quatsch wäre ich durch. Die lahmen Noobs können erst mal googln, bevor sie mich volllabern.
Die Bahntür geht auf und ich pass auf, dass mein Mantel beim automatischen Zuschließen nicht dazwischen liegt. Vor mir steht eine fette Frau mit ihrer fetten Tochter und sie essen beide einen fetten Döner. Ich hole mein iPad raus und tue so, als wäre ich beschäftigt. Die anzuschauen macht mir schlechte Laune.

„Sei ruhig hab ich dir gesagt!“
„Du hast es mir versprochen!“
„Gar nichts habe ich dir versprochen!“
„Ich ruf das Jugendamt an!“
„Den Döner kannst du dir in den Arsch stecken.“
„Nie hast du Zeit für mich!“
„Du siehst doch, dass ich beschäftigt bin!“
„Du bist immer beschäftigt!“
„Die eine Quest noch!“
Das kleine Mädchen fängt auf Kommando an zu weinen. Die Mutter kennt den Trick schon und setzt genervt ihre Coladose auf den Computer-Schreibtisch ab. Ein letztes Mal holt sie tief Luft:
„Ein Döner und dann gehen wir wieder nach Hause!“
Eine kurze Stille tritt ein. Das Mädchen reibt sich den Rotz aus dem Gesicht:
„Yippi!“

Batterie ist alle und ich bin noch nicht zu Hause. 500 Euro für Nutzlosigkeit! Ich zieh ein wenig an meinem Hut. Das kleine Mädchen starrt mich die ganze Zeit mit ihrem Döner an. Mir ist unwohl. Können die ihren Döner nicht woanders essen?
Ich schließe meine Augen und öffne sie. Die kleine glotzt immer noch. Sollen sie ruhig alle glotzen. Die Tür geht auf und eine alte Frau drängt die hinter ihr stehende Menschenmasse zurück, um anschließend an mir vorbei stürmend einen Sitzplatz zu ergattern. Nervig! Ich sag aber nichts.
Die Musik von dem da drüben geht gar nicht. Viel zu laut. Sind wir in der Disco? Ich sag nichts.
Ich schließe die Augen und öffne sie. Das kleine Mädchen schaut mich wieder an. Als würde sie was sagen. Sie hat kurzes fettiges Haar und einen kaputten Pony, ähnlich der ihrer Mutter. Der Pullover, den sie an hat, ist völlig ausgewaschen und lässt das Mädchen in der Hitze der stechenden Mittagssonne schwitzen. Es wird matschig in meinem Hirn. Alles wird weich:

„Hey!“
„?“
„Wieso guckst du mich nicht an?“
„?“
„Hast du Angst vor mir?“
„!“
„Möchtest du etwas von meinem Döner?“
„Ich esse keinen Döner“, sage oder denke ich, obwohl mein Margen knurrt.
„Bist du alleine?“
„Wie alleine?“
„Wo sind deine Freunde?“
„Nicht hier“
„Wo sind sie?“
„Ich sehe sie im Rockhouse am Wochenende“
„Oh. Ich hab keine Freunde“
Ich schlucke.
„Na und?“
„Ich will, dass du mein Freund bist“
„Ich kann nicht dein Freund sein“
„Wieso kannst du das nicht?“
„Du bist zu jung“
„Oh“
„...“, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Die Fragen sind sehr stechend. Wabrige warme Gedanken umfließen mich, wie ich sie erste heute kennen lerne.
„Meine Mutter spielt auch PC.“
„Schön für deine Mutter“
„Sie hat nie Zeit für mich“
„Ich auch nicht für dich“. Es tut mir weh, das zu denken oder zu sagen. Die kleine schaut mich mit ihren Kulleraugen an.
„Was soll das?“
„Sei mein Freund. Bitte!“
„Such dir andere Freunde.“ Ich möchte ebenfalls eine „Bitte“ hinterher setzen, bin aber noch stark genug. Die alte Fotze stößt mich fast um, als sie bei der nächsten Station wieder an mir vorbeizieht.
„Ich bin allein“
„Ich nicht!“
„Warum trägst du den Mantel“
„Kümmer dich um deinen eigenen scheiß!“
„Ich bin doch erst 7“
„Du willst doch nur, dass ich dir deinen Döner bezahle!", schreie ich. Eine Träne entrinnt meinen Augen während ich mir im selben Moment bewusst werde, dass ich diesen Satz wirklich gesagt habe. Ein Stofffetzen meines schwingenden Umhangs bleibt fest in der Bahntür hängen, als ich spontan entschließe vor den verdutzten Augenpaaren des kleinen Mädchens und der Mutter zu entkommen und hinter der alten Frau mit raus zuspringe. Ganz unten auf dem Bahnsteig beginnt meine Nase zu bluten und ich fühle mich so alleine. Keiner hilft mir auf.
Nächste Quest, sage ich mir und versperre das Erlebte dem Langzeitgedächtnis, während ein Stück Lederjacke auf Ewig in dem fresssüchtigen Stadtbahntüren Hannovers hängen bleibt. Die Uhr sagt 8 und ich renne los, um die Lan nicht zu verpassen. In der Bahn beginnt das kleine Mädchen unbeachtet zu weinen, während die Mutter gedanklich schon gegen The_Darklord24 im Teamspeak wettert.

Weder ich noch wir


Ich kann mich verstecken, hinter einem Berg; Ein Berg, so weit wie der Himmel von tausend Welten und so hoch wie die höchste Achterbahn; Hoch bis zu den unzähligen Sternen gibt es sie; Das Adrenalin steigt, wenn ich auf der Spitze stehe und alle um mich herum; Kurz vor dem Abstieg, möchte ich runter springen; Nur um zu schauen, was passiert; Nur um zu fühlen, wie ich dann alleine fliege; Doch ich kann nicht; Wir sitzen fest.
Atemberaubendes Blumenvolk umgibt duftend mein völlig in der Reihe tanzendes Hiersein; Alles ist schön und ich gehöre hier hin; Ich fühle den Wind, wie er an meinen Waden entlang streicht und einige Wassertropfen, welche er aus eiskalten Quellflüssen geraubt hatte, an mir verliert; Meine Auge schließt sich.

Faktisch ändert sich die Situation in der Wahrnehmung des aufgeklärten individuellen Menschen. Ich denke: Rationalität bestimmt Ökonomie. Rationalisieren bestimmt den Arbeitsmarkt. Ich sehe meinen Vorteil: Ratio gleich Verstand.
Anti-Ratio bedeutet, das System zu stürzen. Der Weg: Verstaatlichung = > Kommunismus = > befreite Gesellschaft. Quelle: wikipedia.de

Ich kann mich hinter dem alles an sich reißenden Wind aus millionen heißer zuckriger nach honig duftender Liebe stellen; Diesen Wind fühlen und ihn in mir eindringen lassen; So tief, dass es mich schmerzt; So tief, dass die Nadeln im Hinterkopf durch meine Pupillen wieder Tageslicht sehen und es blutet; Ich bin blind von allem; Den Schmerz und die nassen Tränen in meinem Gesicht und das tiefe stechen meines Herzens und das kratzenste Glühen bei meiner Stirn.

Ich kann fachmännisch analysieren, welcher Prozesskomplex de facto inkompatibel zum Resultat X ist. Lösung X = Y => Holocaust²

Meine Augen öffnen sich, weil ich sie öffne. Ich kann mich sehen wie ich bin und ich kann tun was ich kann und ich sehe was ich sehen will und ich handle wie ich handeln will und ich will dar sein für das ganze. Und ich will fühlen wie das ganze und alle; Und ich will mich fühlen und ich will dich fühlen und gesehen werden. Ich bin für dich da, weil du für mich da bist². Und ich sehe mit vielen Augen, denn wir sind ich und ich bin wir.

Montag, 5. April 2010

Flipper und Ich

PIEP. Ich entdecke, dass der schiefe Ton aus meinem Handy kommt. PIEP. Der Wodka von vor ein paar Stunden, hat mich immer noch im Griff. PIEP. Das vibrierende Ding fällt zu Boden und kämpfte um Aufmerksamkeit, wie ein Delphin, welchen chinesische Dorffischer an den Eiern hatten, zappelnd um sein überleben. PIEP. Delphine auf ein kleines Fischerboot zu laden, war nicht einfach. Harte ehrlich Arbeit für 1300 Millionen hungrige Chinesen und die Regierung will ihnen das auch noch mallmig reden. PIEP. Nur weil ein paar verrückte Tierschützer sich in den Kopf gesetzt haben, dass Delphine besonders hilfsbedürftig seien. Wenn Flipper anfangen würde zu kiffen, hätte er sicher nicht mehr so viele Freunde. PIEP! Was ist mit den Lesern der Bild? Die werden auf einem so niedrigen Bildungsniveau gehalten, dass man sich wundern muss, wie sie es trotzdem noch schaffen komplexe Gedankengänge wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus in ein strukturiertes Weltbild zu basteln und es dann auch noch reproduzieren. PIEEPP! Die sollte man unter Artenschutz stellen! PIIEEPP!!!

Ein Freund war Fan von Verschwörungstheorien: Der 11. September 2001 - Nur eine bombastische Inszenierung des in seinen frühen Jahren gescheiterten Nachwuchs-Regisseurs „Georg W. Busch“? Hitler wollte eigentlich auch mal Kunst studieren. Die Ablehnung seiner Bewerbung an einer Kunsthochschule hatte weitreichende Folgen. Hätte man ihm statt der Macht über die Gaskammern doch lieber die selbige über einen Pinsel gegeben.

Dieser Freund steckte mir in einer Barnacht, dass Friedensaktivisten in Afghanistan Bomben in Handyakkus einbauen und dann in europäische Länder verschicken. Ein hoch auf den Hindukusch und seine präventive Friedenssicherung.

Frieden wird oft überbewertet. Was hätte Deutschland vom Weltfrieden? Wohin all die Armeen? Die Leute brauchen einen Job; Rational betrachtet:

Ich hab kein' Bock mit 50 000 000 Millionen mehr Arbeitslosen um meine 400 Ökken im Monat zu konkurrieren! Es sei denn man steckt den Mob in einen großen Topf und macht Spagetti für die gesamte Erdbevölkerung draus. Das würde so gar für eine Sauce reichen. Braune Sauce mag ich nicht... Scheiß drauf, ich würde die kochen. Klar! Für 400 Euro im Monat?
Deutschland könnte die Nudel exportieren. Deutschland könnte so viel exportieren:

1.)sich nur noch auf dem bodenrollend fortbewegende, mit einem halben Arm in Heroinspritzen steckenden Alkohol- bzw. Fußballfans
2.)eine Buntetüte rechtesGedankengut (angehäuft und gut gelagert seit über 100 Jahren!)
3.)linke Ego-Ornanisten (3-4 Joints pro Tag / pro Ornanist / bei Auslieferung nicht im Preis mit inbegriffen!)
4.)wilhelminisch geprägten antiautoritäre nachwuchskrieger aus dem Deutschen World-Of-Warcraft-Netzwerken (zerbrechliche Ware / Achtung!)

Deutschlaaannndd!!! DEUTSCHLANNNDD!!!

Ich stelle mir den brodelnden Bluttopf vor mit all den Köpfen. Und die hungrigen Menschen überall auf der Welt, wie sie zum ersten mal dankend die Unterstützung der Soldaten entgegen nehmen.

Ich beschließe der Regierung von Deutschland gleich morgen einen Brief mit meinem Erkenntnisbericht zu schreiben. Vielleicht signiere ich mit dem alten Hakenkreuzstempel meines Großvaters. Dann kommt das Ding wenigstens an die richtige Adresse.

Auf jeden Fall explodieren die Akkus der Handys, wenn man sie anwählt – interessant. Nur, dass die Terroristen es heute ausgerechnet auf mich abgesehen hatten, war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Die Bombe explodiert genau in dem Moment, als ich die grüne Taste drücke:

„Heyyyy!“
„Jep?“
„Ich bins! Heyyy!!“

Die helle Stimme am anderen Ende der Leitung bringt mich um den Verstand. Sie fummelt mit ihrer scharfen Klinge in meinem Ohr rum. Wo ist der Tinitus wenn man ihn braucht? Scheiß Stimme. Scheiß Tag.

„Bei mir kribbelt's unten!! … hallo?“
„Hm“
„Bist du noch da?“

Ich gucke Hilfe suchend in meinem Zimmer umher, um irgendwas betäubendes zu finden, was mich nicht mehr da sein lässt. Mission: Gescheitert. Also:

„Leider“
„Was heißt hier leider? Ich muss raus aus meinem Käfig!“
„Who cares? Lass mich in meinem schlafen...“
„22 Uhr bei dir?“

Ich knurre einmal herzhaft und lege auf. In diesem Moment höre ich, wie sich meine Käfiggitter öffnen. Der Tiger ist wütend; Ungezähmt; Der Tiger ist aber viel zu müde und außerdem ist der Tiger auch keine Partylöwe mehr. Ich würde gerne den Werter fressen, wenn er jetzt reinkommt – aber selbst dafür wäre ich wahrscheinlich zu schwach. Mit einem leichten Schwanzwedeln drehe ich mich noch mal zur Seite. Augen zu. Telefonat vergessen - Ein Schaf. Zwei Schafe. Drei Schafe. Vier Schafe... mit üppiger Oberweite. Hmmm...
Der Schwanz hört nicht auf zu wedeln also lege ich Hand an, damit ich nicht wieder ein nicke.

21 Uhr: Aufstehen; Sowas wie Kaffee machen; Brot schmieren; Der Nachbarin am anderen Fenster zuwinken. Warum schreit sie denn so entsetzt? Das alles mit einer Hand zumachen ist gar nicht so leicht. In solchen Momenten wünsche ich mir Anerkennung.
Schwierig wird’s auch, als ich ein Paket an meiner Tür annehmen muss. Ich versuche mit der linken Hand auf dem elektronischen Apparat meine Unterschrift zu hinterlassen. Warum guckt der Postmann so unfreundlich? Wenn er es nicht lesen kann, soll er es halt besser machen. Fertig. Händewaschen.

Den Inhalt des Paketes schütte ich mir in ein Glas.
Meine Freundin war vor einem Jahr nach Lilie ausgewandert und arbeitete als Erntehelferin auf einer Weinplantage. Von dort aus verköstigt sie mich regelmäßig mit den herrlichsten Jahrgängen per Post. Plopp; Ich roch kurz am Korken. Den Kaffee hatte ich schnell vergessen. Nichts konnte Rückstände einer harten Nacht besser verdrängen, als ein ein gutes Glas Wein.
Die Freundin hatte ihren Job per Internet bekommen. Kein Jobportal sondern ein Erotikchat. Sie hat ihre Vagina in die Webcam gehalten und ein Haufen verrücktes Zeugs reingestopft:
Bananen, Flaschen, Stöcker, Kiwis... Der alte Vincer aus Lilie, der sich dabei einen abschlapperte, stand auf so einen Kram. Die Dorfleuten waren verrückte; Das wusste ich schon immer.
Einmal, so hatte sie mir erzählt, musste sie sich mit einem abgestorbenen Stück Fleisch vor der Webcam befriedigen. Der Besitzer der Weinplantage wollte mehr als das tote Fleisch. Sie nahm den nächsten Flieger nach Frankreich und nun bekomme ich regelmäßig den köstlichsten Wein der Provinz.

Mein Freund tritt eine halbe Stunde später ein. Dankend nimmt er ein Glas entgehen.
„Ist das der Wein?“
„Jep.“
Ich setze mich in meinen Ohrensessel und versinke einige Meter darin. Gemütliche Position.
„Hast du keine Angst, dass die Flasche schon mal in deiner Freundin gesteckt hat?“
„Who cares?“
Ich schließe meine Augen und denke an die Nacht. Das ganze feiern; Ich wollte eigentlich gar nicht. Mein Freund setzt sich direkt gegenüber von mir auf den Glastisch.
„Ich würde ja nicht so leichtsinnig damit umgehen - du.“
Der Holzkopf nahm die Flasche und roch prüfend drüber. Dabei sah er genau wie mein Arzt aus, wenn er versuchte eine soziale Haltung gegenüber mir zu wahren, während er mich untersucht. Auf dem letzten Schützenfest hatte Maria mir in ihrer Wahrsagerbude eine Kette aufgeschwatzt, mit der ich die Gedanken meines Arztes hören konnte:

„Wieviel krieg ich für den wohl, wenn ich den anfasse? Mehr als 5 Euro lässt seine Krankenkasse doch sowieso nicht springen. Selbst eine Prostituierte in einem 3. Weltland würde dafür mehr Geld kassieren. Ich zahle mehr für das Desinfektionsmittel, wenn der wieder aus meiner Praxis ist, als ich an dem verdiene. Vielleicht hat er noch irgendwelche Spritzen bei sich. Muss ich noch einen Aids-Test bezahlen, bin ich für diesen Monat wieder in den Miesen...“

Trotzdem trank er aus der Spezialflasche genau wie der Arzt mich behandelte. Der eine kann halt nicht ohne den anderen. Dollar Dollar.
Ich rieb noch mal an meiner Gedankenleser-Kette. Ich trug sie stets um mein rechts Handgelenk. Mein Kumpel war wirklich ein wenig angeekelt von der Flasche, was ich so nicht erwartet hatte. Er ist ein Trinker und Trinker machen sich für gewöhnlich weniger Gedanken um die Herkunft ihrer Drogen. Macht sich ein Arbeitsjunkie Gedanken darüber, wo die Kohle herkommt? Es geht doch nur darum, dass sie am Monatsende auf dem Konto liegt!
Während ich noch weiter gedanklich über Junkys ablässtere, wurde mir klar, dass es Delphinen niemals erlaubt sein würde, über ihr Schicksal zu entscheiden. Nicht sie waren die Abhängigen. Sie würden ewig den gierigen Mündern der Kampfchinesen ausgeliefert sein, welche immer und immer mehr Delphinenfleisch verzehren wollen. Mehr und mehr. Jeden Tag! Mit Delphinenblut spülten sie sich die Zähne aus, wie ich es mit dem nächsten Glas Wein tat!

„Was hältst du eigentlich von Delphinen?“, fragte ich meinen Freund, der inzwischen angefangen hatte zu weinen.
„Meine Frau trug immer ein Halsband, mit einem diamantenen Delphin. Sie war wunderschön, wenn sie ihn trug.
„Deine Frau war eine verdammte Heroin-Nutte! Sie ist selbst schuld, wenn sie nicht mit ihren Shit aufpasst! Sie hatte dich sowieso nie geliebt! “
Ich war überrascht über die Kraft, die ich noch in mir getankt hatte um rumzuschreien. Die folgenden Tränen und schweren Schluchzer meines Gegenüber ignorierte ich zwangsweise, weil mir die Kraft für sekundäre Körperfunktionen fehlten. Das Glas konnte ich noch zum Mund führen. That's life. Ein spanischer Karibikabend in Honolullu am rauschenden Strand. Die Sonne geht unter. Ein Lüftchen umspielt mein Beine. Ich schließe die Augen. Hinter mir kommen die zwei schönsten Barmädchen der schönsten Bar von ganzen Italien auf mich zu geschlendert. Nur noch das rauschen in meinem Ohr. Die Tränen hörte ich schon gar nicht mehr. Mein rechter Fuß schlief ein. Mein Glas fiel auf den Sand und nun vergoss auch ich eine Träne.

Ich öffnete nach langer Zeit wieder die Augen und sah nicht mehr meinen Kumpel, sondern mein verrottetes Spiegelbild. Alles schien nun klar: alt und grässlich war ich geworden. Verbittert. Seit Monaten hatte ich keinen richtigen Tagesablauf mehr. Der Alkohol hatte mir tiefe Risse zugesetzt. Ich war zu Schwach, um mir den Alkohol selbst zu kaufen. Ich stank entsetzlich. Der Mensch, der mich in einer gewissen Ordnung gehalt hatte, war nun wahrscheinlich in irgend einer Opiumhöhle tief tief unter mir. Sehr tief. Wahrscheinlich hat sie dort mehr Spaß als mit mir in meiner Suffhöhle - 11. Etage in Deutschland. Das hier oben war kein Himmel. Nicht ohne sie. Doch es musste weiter gehen.

Dieses mal nahm ich mein Handy. Ich würde die Delphine mitziehen. Wir müssten uns erheben und gegen die bösen Chinesen ankämpfen. Wer wollte schon gerne Fischfutter anderer sein?Revolutionäre Stimmung mischte sich mit dem hochprozentigen Atem, der aus meiner Lunge empor stolperte. Es war kein Kommunismus – um Gottes willen. Irgendwas Neues, auch wenn es nach Fisch stank: Heute würden wir was verändern, um aus diesen Bermudadreieck auszubrechen. Ich und die Delphine:

„Yeh?“
„Ja, ich bin's.“
„Wollen wir was trinken gehen?“
„Yeh.“
„Yeh.“
Piep.

Mittwoch, 10. März 2010

Kommando Penis!

Es schien in diesen Raum niemanden wirklich zu interessieren, wer ich war und doch fühle ich mich in meinem Kostüm als Außenseiter. Ein mit verspiegelter Pilotensonnenbrille breit grinsender Riese tanzt mich zusammen mit seiner Armee von Freunden um. Meine Füße tun weh. Die Armee marschiert regelmäßig drüber. Schon wieder. Sie nicken alle gleichzeitig im Takt zur Musik. Alle Grinsen. Die Augen sind verspiegelt. Ich weiß nicht, ob sie mich anschauen, oder ob ich mich nur in ihren Spiegelgläsern wiederfinde. Ich hoffe nicht.

Ich beschließe mich weiter zu betrinken um diesem Wahnsinn einen Sinn zu geben – wenigstens für mich. Wenigstens für noch ein paar weitere Stunden. Ich wollte nicht alleine weg gehen. Ich fühlte mich alleine. Verrückt, bei der Tatsache, dass ich beim durchwühlen der Masse so gar über ein paar am Boden zurück gebliebenen Alkoholleichen steigen musste, die einmal links und einmal rechts von sich zeigten, was sie vor ein paar Stunden in der Dönerbude zu sich genommen hatten. Sie waren links rechts, oben und unten und trotzdem war ich alleine.

Ich würde nicht kotzen. Das hatte ich mir schon lange abgewöhnt. Ich bestellte das Bier.
Gekotzt habe ich mit 16 oder so – ich weiß nicht mehr genau.
Das Bier tut mir gut. Ich versuche zu lachen, um angetanzt werden. Ich weiß, dass mir das Lachen nicht abgekauft werden würde. Egal.
Ich schaue zur Seite. Nein nach links; Da hat mich wer angetanzt. Ein Mädchen. Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer. Oder war das die Leber? Ich trinke einen Schluck Bier – bin nervös.
Nein, die Leber kann es nicht gewesen sein. Wenn die sich meldet, dann sticht sie immer nur ziemlich gemein. Wie ein wild gewordener Glasnudel-Chinesenverkäufer auf Opium, dem man sagt, dass der Kommunismus tot ist. Über Verkaufstheke springend rammt er mir seine kleinen Stäbchen in die Seite. Es tut weh, in meinem Herz. Nicht die Leber. Der Kommunismus ist tot? In China bestimmt.

Sie guckt zu mir und ich bekomme einen Steifen. Ich bin überrascht von mir selbst. Nach der Flasche Wein von vor 2 Stunden, den 5 Bieren und den Kurzen hätte ich nicht gedacht, dass ich jetzt noch alleine vom Anblick einer Süßen einen hoch bekomme. Sieht man meine Latte? Scheiß drauf. Ich guck noch mal kurz zu ihr, aber sie hat sich ihrer Freundin zugewandt. Da ist noch eine. Sie tanzen zu dritt im Kreis. Der Zirkel der Einheit. Immer das selbe getue. Immer der selbe Tanz. Immer die selbe Uniform. Konzentriert.

Egal. Ich will sie ficken. Mein Penis übernimmt die Kontrolle. Penis sagt: ficken. Befehl wird ausgeführt. Die Beule wächst. Alles egal in diesem Moment – ich mache mich auf Expeditionsreise und hoffe im richtigen Feuchtgebiet zu lande.
Meine Hand wandert ganz automatisch in ihre Richtung. Ich gucke ihr nicht nach. Die Hand macht das schon. Ziel erreicht;
Phase 2 wird eingeleitet: Leichtes Hüften streicheln. Rechter Arm führt Bier zum Mund. Penis sagt: Phase 3 einleiten!

Ich fühle mich nun genau wie die anderen um mich herum. Eine Einheit. Ein Takt. Ein Marsch. Die Hüfte fühlt sich komisch an. Sie dreht sich um und klatscht mir eine. Die linke Hand war zu weit oben. Hüftenrätsel gelöst.
Die Kotze, die ich grade noch erfolgreich umgehen konnte, kommt mir entgegen geflogen. Intuitiv versuche ich noch während ich hinfliege mein Bier zu retten und gleichzeitig meinen Kopf in eine schützende Position zu verlagern. Beides gelingt mir nicht.

Als ich meine Augen wieder aufmache, hat sich ein kleiner Kreis um mich gebildet. Ich wische mir die Dönerreste aus meinen Haaren. Rote Soße klebt nun an meinen Händen. Genau die selbe, wie sie aus meiner Nase läuft. Vielleicht stellen die mich in dieser Dönerbude als Soucenspender ein. Ich werde die Verwundeten Opfer am Boden später fragen; Möglicherweise ihre Wunden lecken. Schließlich gehöre ich nun zu ihnen.

In den Sommerferien wollte ich trampen – nach Slowenien. Ich hab da letzten Sommer dieses Mädchen am Strand gesehen. Ich brauche Geld. Eine Hand zieht mich hoch, die andere bietet mir ihr Bier an – dachte ich zumindest. Ich versuche aus dem neuen Bier zu trinken – dankend. Die Faust hat mich wieder zu Boden geführt – undankend meinerseits.
Mein Penis hatte sich verzogen und das schmerzende Gehirn funktionierte mit seinem gewohnt nervigen Gehabe. Ein zweites mal zog mich keiner hoch. Ich robbte mit der Eleganz eines Kasten Lidl-Biers an den Rand der Tanzfläche.
Die Sonnenglaspatroten von letzter WM umtanzten mich schmerzvoll.

Eine andere Süße drücke mir ihren Stiefel ins Gesicht – oder war es die selbe Süße wie eben? Alle gleich. Ich pöbele sie vom Boden aus an. Sie hört nicht. Der Chinese in mir wird wütend. Er will Blut sehen. Ein Plan muss her, der diesen Abend rettet. Plan A verwerfe ich, weil ich keine Pistole dabei hatte also entschließe ich mich für Plan B. Plan A wäre sicher reizvoll für die allgemeine Stimmung in diesem Öden Schuppen gewesen; Aber ich nenne mich einen Pazifist. Wir sind Pazifisten.

Plan B: Mit letzter Kraftreserve revolutioniert das Krichtier in mir zum Klammeraffen. Zielsicher visiere ich sie an und klemme mich an das Bein der Süßen. Es war nicht die selbe wie vorhin – die hatte nicht so einen Arsch. Wer weiß über wie viele Tanzflächen dieser Arsch Inklusive Vagina schon gewischt ist. Die ganzen Scherben von zerbrochenen Bierflaschen auf dem Boden, wie wild durch die Gegend geschossene Granatensplitter; Diese Trümmerfrau wischte sie alle weg. In meinem Kopf verlieh ich ihr dafür das Mutterkreuz.

Der Kampfchinese aus den Glasnudelladen schießt mir wieder in den Kopf. Dieses mal steht er hinter einer Folterbank. Früher haben sie Strafgefangenen Glasröhren unter die Penishaut geschoben und dann mit einem Hammer zerschlagen. Das wollte ich nicht. Gehirn kämpft mit Penis. Gehirn sagt: Nein!

Ekel macht sich in mir breit. Endlich. Ekel vor mir selbst und Ekel vor dem Ekelweib. Ich klebe an ihr fest. Hilfe. Bekomme ich sie in die Kiste?, fragt Penis.
Ich spüre langsam, dass ich meine guten Vorsätze über Bord werfen würde, denn Kotze stieg in mir hoch.
Ich hatte kein Lust irgendwelchen Ärzten zu erklären, warum mein Genitalbereich auf einmal in hellen Regenbogenfarben leuchtete. Scheiß Praxisgebühr. Die Praxisgebühr hat mich an den Eiern.
Die Arsch-Süße hatte sich inzwischen von ihrem Schreikrampf beruhigt und versuchte mich nun wie einen überflüssigen Migranten von ihrem Bein abzuschieben.
Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Glasnudeln werfen, sondern mit Steinen. Die funktionieren wenigstens. Die-Ex-Mutterkreuzträgerin würde ich nicht abwerfen. Ich gab also nicht auf. Ein dicker Mann mit Schlagstock half mir meinen Willen zu brechen. Stöhnend gebe ich auf. Die Security verstieß mich aus dem Glashaus. Heile lassen sich mich nicht.

Das Ohr wird zum Saucenspender. Jetzt muss mich die Dönerbude aber einstellen, denke ich bei mir, während die Sonnenglas-Fraktion sich kollektiv über mich beugt und lacht. Ich fühle mich traurig dabei und hoffe, dass mein Über-Ich lacht. Hörst du mich? Kein Anruf unter dieser Nummer. Genau wie bei der Süßen. Dann bin ich halt alleine. Ob nun im innerhalb oder außerhalb vom Glashaus...

...drinnen konnte ich mich an der Bar wenigstens betäuben.